Bevor wir erwägen können, was für die Beendigung des Leidens nötig ist, müssen wir ein praktisches Verständnis dafür erlangen, was das Leiden ausmacht.

Was ist Leiden?

Leiden ist die Identifikation mit Schmerz. Und weil Identifikation eine Funktion des Verstandes ist, wird Leiden vom Verstand nicht nur in Beziehung zu gegenwärtig empfundenem Schmerz herbeigezaubert, sondern auch mit Hilfe von Erinnerungen an vergangenen Schmerz und der Vorwegnahme von zukünftigem Schmerz. Allen, die gewohnheitsmäßig leiden, wird auch eine gute Gesundheit und materieller Wohlstand wenig Erleichterung bringen, weil der Verstand in der Lage ist, endlose beklagenswerte Verletzungen aus der Vergangenheit zu liefern und Berge an Sorgen über Unbehagen in der Zukunft, obwohl nichts davon existiert!

Die Gesundheit, der materielle Wohlstand und die äußere Lebensqualität eines Menschen können also in Wirklichkeit sehr wenig Einfluss auf die Art und das Ausmaß des Leidens eines Menschen haben, weil Leiden eben ein Produkt der im Verstand tief verwurzelten Identifikation ist.

Jene, bei denen es scheint, alles würde ihnen nur so zufallen, können mehr leiden als jene, die scheinbar wenig haben. Die Identifikation mit materiellem Wohlstand und weltlichen Leistungen (Erfolg und Ruhm) kann zu Formen des stärksten Leidens führen – ein Traum vom Leben, der sich in einen Albtraum verwandelt. Warum? Weil wir in diesem Fall unser Fuhrwerk an die vergänglichen Dinge des Lebens festgemacht haben. Wie glorreich diese auch immer scheinen mögen, sie werden nicht andauern. Es ist der häufig gemachte Fehler, anzunehmen, dass wir das sind, was wir wahrnehmen. Für diesen Fehler bezahlen wir teuer.

Leiden selbst ist schmerzhaft. Doch es besteht ein Unterschied zwischen dem Schmerz des Leidens und dem Schmerz, der auf eine Krankheit, eine Verletzung oder ein traumatisches Ereignis zurückzuführen ist. Den Schmerz des Leidens erlegt uns der Verstand auf. Diesen Schmerz kann man durch spirituelle Methoden verringern und letztendlich sogar völlig eliminieren, während man den Schmerz aus aktuellen Ereignissen vermeiden kann oder auch nicht. Auf jeden Fall werden die unausweichlichen Unannehmlichkeiten und Übel, die uns im Zuge der Höhen und Tiefen im Leben begegnen, ihren Schrecken verlieren, wenn wir in der Lage sind, das Leiden loszulassen, die Identifikation mit dem, was uns schmerzt, loszulassen. Ist unsere Identifikation mit dem Schmerz einmal aufgelöst, dann gibt es da kein Leiden mehr.

Das nächste Mal, wenn wir Schmerzen haben, ob körperlich oder mental, und fühlen, dass wir leiden, können wir uns vielleicht die Frage stellen. »Wer leidet da eigentlich?«

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, werden wir feststellen, dass es unsere Interpretation des Schmerzes ist, die uns veranlasst, uns als leidend wahrzunehmen. Fällen wir ein Werturteil über unseren Schmerz, leiden wir ganz sicher. Wir erkennen unser Werturteil daran, dass wir fragen: »Warum ich?«, oder wenn wir jemandem die Schuld geben, ärgerlich sind oder versuchen, andere dazu zu bringen, unseren Schmerz zu teilen. Mit all diesen Reaktionen identifizieren wir uns mit unserem Schmerz.

Sehen wir andererseits unseren Schmerz nur als Schmerz an, ohne ihn auf die eine oder andere Weise einzufärben, ist das immer noch Schmerz, doch der Schmerz wird nicht von Leiden begleitet sein – kein Urteil darüber, kein Klagen, keine Reue über Vergangenes, kein sich im Inneren abspielendes Drama und keine Furcht deswegen vor der Zukunft.

Sehen wir Menschen, die auf diese Weise mit Schmerz umgehen, neigen wir dazu, sie als spirituell zu bezeichnen. Sie scheinen sich auf einem höheren Bewusstseinsniveau zu befinden und der Schmerz des Augenblicks berührt sie nicht auf eine Weise, die man in der mentalen Reaktion, die wir Leiden nennen, beobachtet. Dies bedeutet allerdings nicht, dass sie auf den Schmerz nicht mit einer Grimasse oder einem Ausschrei reagieren.

Ob wir uns einen Knochen gebrochen oder einen geliebten Menschen verloren haben, wir werden den Schmerz, den das verursacht, fühlen und aufschreien. Transzendieren wir das Leiden, bedeutet dies nicht, dass wir es lieben, im Schmerz zu verharren. Es bedeutet auch nicht, dass wir nicht die Maßnahmen ergreifen sollten, die unseren Schmerz oder den anderer beseitigt. Was immer aber geschehen mag, die Narben unseres Leidens werden nicht bei uns bleiben, auch nicht die nächste Minute, wenn wir uns von der Identifikation mit dem Schmerz verabschiedet haben. Es geschieht alles im Augenblick und ist dann vorüber ...

Doch noch einmal, wer leidet? Diese Frage haben wir noch nicht beantwortet. Wir haben nur die grundlegenden Mechanismen des Leidens beschrieben. Identifizieren wir uns mit unserem Schmerz und leiden wir, wer ist es, der das fühlt? Ist das unser äußeres Bewusstsein von unserem Selbst? Unser Körper bzw. Verstand? Ist es unsere Bewusstheit hinter dem allen? Das führt uns zum Kern dieser Untersuchung und zu dem, um was es bei der spirituellen Selbst-Analyse wirklich geht. Noch wichtiger, es führt uns auch zum Kern dessen, was bleibende innere Stille (der Zeuge) ist, denn ohne den Zeugen kann es keine effektive Selbst-Analyse geben. Ohne den Zeugen bleibt das Bewusstsein von unserem Selbst veräußerlicht, auf Gedanken, Gefühle, den Körper und unsere Umgebung beschränkt. Dann befinden wir uns in keiner gesunden Beziehung mit dem, was wir wirklich sind oder mit dem, was sich in unserem Leben abspielt. Dieser zeitlich begrenzte Zustand des abgetrennten Bewusstseins ist der Bereich, in dem sich alles Leiden abspielt. Ist das das, wer wir sind? Nur wenn wir uns damit identifizieren und gewohnheitsmäßig darauf beharren, dass wir selbst unsere äußeren Wahrnehmungen sind.

Entdecken wir andererseits, dass unser Bewusstsein vom Selbst bleibende innere Stille ist (der Zeuge), die durch die tägliche tiefe Meditation kultiviert wird, kann uns dort nichts berühren. Wir können nicht leiden, wenn wir DAS sind, was immer der Körper und Verstand auch tun. Es ist eine Tatsache, dass unser Bewusstsein nicht leidet, auch wenn es sich identifiziert hat. Es ist nur Bewusstsein – dieser Teil von uns, der immer existiert hat. Dieses Bewusstsein ändert sich nicht. Nur die Fassade von Gedanken, Gefühlen und der Materialität außerhalb von dem ändert sich. Unausweichlich kommt es im Äußeren zu Veränderungen. Doch innerlich ändern wir uns nie – oder tun wir das? Wer leidet dann also?

In Wahrheit leidet niemand, nur diejenigen, die sich damit identifizieren und auch das ist dann eine Illusion – ein Glaube an etwas, das vorübergeht, ein Traum. Aber natürlich ist es für den, der die Erfahrung durchmacht, sehr real.

Deshalb wird uns das alles nur als sehr idyllisch erscheinen und für uns wenig Bedeutung haben, wenn wir Schmerz fühlen und uns mit dieser Erfahrung identifizieren. Dasselbe kann man von allen sagen, die mit der spirituellen Selbst-Analyse kämpfen, ohne dass sie zuvor ausreichend den Zeugen herangebildet haben. Das ist eine harte Schinderei. Wir wollen das gar nicht kleinreden. Ob wir den Zeugen haben oder nicht, wir empfinden Mitleid mit allen, die leiden. Unser Menschsein ruft uns instinktiv dazu auf, anderen in Not zu helfen und besonders denen, die leiden.

Deswegen tun ja spirituelle Lehrer das, was sie tun: weil sie mehr als alles andere jedem helfen wollen, über den Zustand des Leidens hinauszuwachsen, hinein in den nicht endenden Frieden und die Freude, die überall gegenwärtig und in uns allen zugänglich ist.

Es gibt nur einen Zustand, der uns von der Identifikation mit den Höhen und Tiefen des Lebens retten kann, nur einen Zustand, der uns vor den Kämpfen des Verstandes bewahren kann, wodurch dieser nur riesige bebilderte Landschaften in Raum und Zeit in uns selbst schafft. Das ist der Zeuge, unsere uns innewohnende innere Stille, die man leicht durch tägliche tiefe Meditation kultivieren kann. Dadurch wird für uns die wahre Erkenntnis möglich und wir erkennen, dass wir in der Lage sind, über das Leiden hinauszuwachsen. Dann wundern wir uns nur noch, wer denn da überhaupt gelitten hat.

Die Kraft des Zeugen in Verbindung mit der Klarheit eines intelligenten Ansatzes der Selbst-Analyse ist ein Paradox und ein Mysterium. Dennoch ist es realer als alles, was wir in unserer äußeren Welt von Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen des Körpers und seiner Umgebung sehen. Der Zeuge und seine Beziehung zur Selbst-Analyse sind wirklich, weil sie unsere Lebensqualität spürbar verändern können. Und was für eine spürbare Veränderung das ist!

In zukünftigen Lektionen wollen wir tiefer in die Techniken der Selbst-Analyse eintauchen, besonders in solche, die auf eine vorherige Kultivierung der bleibenden inneren Stille, des Zeugen, durch tiefe Meditation (vgl. Lektion 13) aufbauen. Wir werden feststellen, dass da ein großer Unterschied zwischen der Übung von Selbst-Analyse mit dem Zeugen (beziehungsvoll) gegenüber einer Übung von Selbst-Analyse ohne den Zeugen (nicht-beziehungsvoll). Wie bei allem, was wir bei den Fortgeschrittenen Yoga Übungen tun, wählen wir einen praktischen Ansatz mit einem Minimum an Hokuspokus.

Manchmal führt Selbst-Analyse, auch wenn sie von großen Lehrern angeleitet wird, zu einem Rühren in Wunden, oder schlimmer. Wir werden untersuchen, warum es dazu kommt und wie das gelöst werden kann, so dass wir von jedem Ansatz der Selbst-Analyse profitieren können, ob man ihn Jnana, Advaita, Nicht-Zweiheit, Leere, Achtsamkeit etc. nennt. Mit einem intelligenten Ansatz der Selbst-Analyse wird das Mysterium allmählich enträtselt und wir sehen, dass wir mit dem Mysterium selbst eins werden. Wir erkennen das an der zunehmenden inneren Freude, die zu unserem Lebenselement wird. Wir leben dann ein strahlendes Leben ohne Leiden, auch wenn wir gelegentlich Schmerzen haben. Freiheit vom Leiden ist das Schicksal eines jeden.

Der Guru ist in dir.