Frage: Was ist das letzte Ziel der Meditation, wie werden sich die Erfahrungen entlang des Weges dorthin entwickeln und wie lange wird es dauern, bis die Reise beendet ist?

Antwort: Das letztendliche Ziel ist die Erleuchtung. Was ist Erleuchtung? Ein Zustand der Einheit, in dem sich unsere beiden Naturen – reines Glückseligkeitsbewusstsein und unser sinnliches Ausgreifen in diese physische Welt – im Gleichgewicht befinden. Das entspricht der Definition von Yoga und ist das Ziel aller Religionen.

Die Entwicklung der Erfahrungen dabei entspricht einer komplexen und persönlichen Reise, aber darin sind gewisse Muster erkennbar. Drei Stufen kann man unterscheiden:

Zuerst entsteht durch regelmäßige Meditation eine wachsende innere Ruhe. Sie wird auch als stetig wachsender Zustand des Friedens, der Freude und der Glückseligkeit erfahren. Vor allem wird sie aber als inneres Gleichgewicht erkennbar, das durch keine äußeren Erfahrungen erschüttert wird. Innere Ruhe ist die Grundlage für weitere Erfahrungen, die durch zusätzliche fortgeschrittene Yoga-Praktiken ermöglicht werden. Dadurch wird die Ruhe unseres reinen Glückseligkeitsbewusstseins zu einem dynamischen Zustand in unserem Nervensystem erweckt.

Zum zweiten erwächst eine ekstatische Erfahrung im Körper und in der Umgebung. Dies rührt vom Erwachen der Lebenskraft im Körper und einer stufenweisen Verfeinerung der sinnlichen Wahrnehmung her. Durch Pranayama (Atemkontrolle) und andere Mittel wird die Meditation so bereichert, dass die Sinne nach innen geöffnet werden. Dadurch werden wir in die Lage versetzt die ekstatischen Energien wahrnehmen, die in uns und um uns fließen. Man könnte sagen, dass Stille sich in uns bewegt und dass dadurch eine neue und ergreifende Erfahrung geschaffen wird. Während dieser Stufe erhöht sich die Wertschätzung für den göttlichen Lebensfluss auf natürliche Weise, und dies führt zu einem wachsenden Wunsch, in die vertiefte sinnliche Erfahrung einzutauchen und sich mit ihr zu verbinden. Man überlässt sich diesem fortschreitenden Prozess und dadurch wird er beschleunigt. Diese zweite Stufe ist wie ein Fallen in einen unendlichen Abgrund der Ekstase. Wir fungieren in der Welt mit wachsender Freude, während unsere Aufmerksamkeit durch die immer gegenwärtige lebendige Schönheit hinter allen Dingen absorbiert wird. Für uns lösen sich alle Grenzen auf.

Drittens, sobald unsere Aufmerksamkeit ganz natürlich in der allgegenwärtigen, wogenden, glückseligen Stille ihr Heim hat, werden wir selbst zu dieser immerwährenden Harmonie. Wir erkennen unser eigenes Selbst als Urgrund allen Seins. Dies ist die Erfahrung der Einheit, der Vereinigung, der Erleuchtung. Die Welt verschwindet nicht. Sie wird transparent. Begrenzungen werden wie dünne Vorhänge, die die Essenz des Lebens bedecken, und wir haben erkannt, dass diese ein Ausdruck unserer eigenen Natur sind. Können wir dann in dieser Welt noch immer tätig sein? Ja, aber unsere Motive unterscheiden sich von denen, die uns bewegten, als wir nicht anders konnten, als uns als ein abgetrenntes Wesen zu sehen. Wir handeln jetzt im Interesse eines erweiterten Selbsts. Es mag scheinen, als ob wir dadurch selbstlos werden. In Wahrheit handeln wir immer im Interesse unsers Selbsts. Aber unser Selbst ist universell geworden, und daher gilt unser Interesse und unsere Sorge der ganzen Menschheit und allem Leben.

Beginnen wir uns den fortgeschrittenen Yoga-Übungen zu widmen (und vielleicht auch schon davor), können wir – abhängig vom Kräftespiel unseres individuellen Reinigungsprozesses – schon Schattierungen jeder dieser drei Stufen erfahren. Wir können auch Elemente aller drei Stufen gleichzeitig erfahren. Mit der Zeit lernen wir zu erkennen, dass diese enthüllenden Erfahrungen Gradmesser auf dem Weg zu unserer Erleuchtung sind. Bei unserer Beschäftigung mit weiteren fortgeschrittenen Yoga-Praktiken erörtern wir viele weitere Unter-Meilensteine. Diese Meilensteine helfen uns dabei, auf dem Weg weiterzugehen. Durch sie werden wir inspiriert und dazu angehalten, regelmäßig unsere täglichen Übungen zu machen. Diese Meilensteine eignen sich jedoch nicht so gut für Feststellungen wie: "Heute bin ich genau an dieser Stelle des Weges zur Erleuchtung." Das kann zwar den Tatsachen entsprechen, aber wirkliche Bedeutung erlangt das erst, wenn wir an diesem Punkt vorbeigegangen sind und unsere Erfahrung dauerhaft und unmerklich ist. Sobald die Erfahrung zur natürlichen Normalität geworden ist, wird sie zur Realität. Das ist das Leben, wie wir es leben sollten. Allerdings lösen wir die Meilensteine auf unserer Reise auf. Bei der Erleuchtung geht es letztendlich nicht so sehr um die Meilensteine. Es geht darum, uns darüber zu freuen, dass wir das werden, was wir immer schon gewesen sind.

Wenn du deine Reise nach Kalifornien, über die wir früher gesprochen haben, vollendet hast, würdest du deine Zeit damit verbringen, dich zu wundern, wie du dorthin gekommen bist? Wahrscheinlich nicht. Viel besser ist es, die Schönheit Kaliforniens im Jetzt zu genießen. Es ist jedoch nützlich, die Einzelheiten der langen Reise zum Nutzen anderer zu rekapitulieren. Jeder Einzelne entstammt schließlich aus demselben göttlichen Bewusstsein wie wir selbst, und daher sind wir natürlicherweise darauf bedacht, dass jeder eine sichere und zügige Reise hat.

Jesus sagt: „Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet!" [Mat 7,12] In Wahrheit sind alle anderen du. Daher ist dieser Ratschlag nicht nur moralisch gut, er ist auch sehr zweckmäßig. Sobald sich unsere inneren Türen den göttlichen Reichen in unserem Inneren geöffnet haben, erkennen wir durch Erfahrung, dass andere unser eigenes Selbst sind.

Wie lange dauert diese Reise? Das hängt hauptsächlich von uns selbst ab -- von unseren Handlungen in der Vergangenheit, die zu Blockierungen tief in unserem Nervensystem geführt haben, und es hängt vor allem davon ab, was wir von jetzt an tun. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können in der Gegenwart viel tun, was unsere Zukunft formen wird. Niemand anders als wir selbst kann diese Wahl treffen. Wenn wir die fortgeschrittenen Yoga-Übungen mit ernsthafter Hingabe praktizieren, dann wird dies unserem Leben eine neue Richtung geben. Widmen wir uns diesem Weg einmal unbeirrbar, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Dann erkennen wir, dass das endgültige Ziel nicht einmal so wichtig ist. Vor allem geht es um die Erfahrung anwachsender Freude, jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr. Dies ist ein Weg der Glückseligkeit, ein Weg des Vergnügens. Diese gehen einher mit unserer natürlichen Entfaltung von innen heraus. Begib dich auf diesen Weg, und beginne dich heute noch an dieser Reise zu erfreuen. Jeden Tag kommst du ein Stück näher dem Ziel.

Der Guru ist in Dir.