Frage: Ich bin Atheist. Ein Freund erzählte mir von diesen Lektionen. Offen gestanden finde ich die religiösen Zwischentöne hier störend. Aber ich war neugierig und probierte es mit der Meditation und wurde angenehm überrascht. Ich würde gerne weitermachen, weil es beruhigend auf meine Nerven wirkt und ich begierig darauf bin, was es weiter so alles über mich zu erfahren gibt. Aber ich bin immer noch Atheist. Gibt es so etwas wie eine Erleuchtung ohne Gott?

Antwort: Es gibt sowohl Erleuchtung mit als auch Erleuchtung ohne Gott. Der Grund dafür ist, dass der Mensch von Natur aus für die Erleuchtung geschaffen ist, d.h. jeder kann in einen höheren Zustand der Entwicklung transformiert werden, unabhängig davon, welchem Glaubenssystem er angehört. Man kann sogar sagen, dass alles, was existiert, sich in diese Richtung bewegt, bei den Steinen angefangen und aufwärts durch alle Reiche von Lebewesen. Alles bewegt sich vorwärts. Die Menschheit ist also keine Ausnahme. Wir Menschen haben aber die zusätzliche Gabe, diesen Prozess bewusst zu beschleunigen, indem wir uns einer Abkürzung bedienen und das ist es, was die fortgeschrittenen Yoga-Übungen genau sind. Wir können den Entwicklungsprozess enorm vorantreiben.

Um die menschliche spirituelle Entwicklung rankt sich seit jeher der Nimbus des Mystischen. Doch ist es mehr eine praktische Mystik, eine Mystik mit einem Zweck. Die Vorstellung von Gott, wie die Menschheit sie sich in allen Völkern aller Zeitalter geschaffen hat, war notwendigerweise in eine Beziehungsstruktur eingebunden. Dies hat der Menschheit erlaubt, sich ihrer höheren Bestimmung unterzuordnen und sich ihrem Höheren Selbst auch begeistert anzunähern. Das Beste, was der Glaube an einen Gott sein kann, ist der Glaube an die höchste Bestimmung der Menschheit, wie er aus unserem Inneren aufsteigt und letztendlich in allem um uns herum erfahren wird. Der Glaube an Gott hilft den Menschen, persönlich am aufregendsten Teil der menschlichen Reise teilzuhaben – dem Prozess der Erleuchtung.

Ist es notwendig, an Gott zu glauben, damit diese Entfaltung stattfinden kann? Nein. Aber es ist notwendig, an etwas zu glauben, um sich in Richtung Erleuchtung zu bewegen.

Wenn wir z.B. zusammen in einem New Yorker Café sitzen und ich dir von einer wundervollen Örtlichkeit erzähle, die man Kalifornien nennt und die dreitausend Meilen weit weg ist und dass du das unbedingt sehen solltest - warum solltest du hinfahren? Angenommen, du glaubst mir nicht, glaubst nicht, dass ein solcher Ort überhaupt existiert. Wie könntest du die Motivation dazu aufbringen, dorthin zu fahren? Das würde schwer werden. Wenn du niemals westlich des Mississippi gewesen bist, könntest du vielleicht glauben, dass jeder, der sich über den Mississippi hinaus wagt, vom Rand der Erde stürzen würde. So dachten die Europäer über den Atlantik, bis Leute wie Kolumbus oder Magellan ihnen zeigten, dass dort auf der anderen Seite eine andere Welt und noch mehr existiert.

Damit wir motiviert werden, etwas zu unternehmen, das uns einem Ziel näher bringt, müssen wir zuerst an die Möglichkeit glauben, dass dieses Ziel überhaupt existiert. Für viele ist der Glaube an Gott der Sprit auf der Reise in Richtung Seelenheil. Aber es muss dabei nicht unbedingt um Gott gehen. Es kann sich genauso gut um die Wahrheit handeln und den Glauben, dass eine letzte Wahrheit um uns herum oder in uns existiert und dass wir sie leben können, dass wir zu dieser Wahrheit werden können. Es kann auch der Glaube an einen persönlichen Transformationsprozess sein und an unsere eigene Erfahrung davon, wenn wir meditieren und andere Yoga-Methoden anwenden. Wenn wir erfahren, wie wir uns durch unsere Übungen auf natürliche Weise entfalten, kann das mehr als genug für einen Glauben sein, dass, ist dieser Prozess einmal in Gang gesetzt und befeuert durch unsere Erfahrungen von Glückseligkeit und tiefe Stille, wir uns durch diese Übungen noch in ungeahntem Maße weiter entfalten können. Ob wir uns dabei unseren aufsteigenden Erfahrungen von Frieden und Glückseligkeit, der Vorstellung, die letztendliche Wahrheit des Lebens zu erfahren oder einer Beziehung zu Gott anvertrauen, wir werden letztlich zum selben Ergebnis gelangen – einer unerschütterlichen Hingabe daran, mit „Dem" eins zu werden, was wahr ist.

Jesus sagt: "Erkennet die Wahrheit und die Wahrheit wird euch befreien." [Joh. 8,32] … Hier ist von Gott keine Rede …

Das Wort „Gott" existiert weder im Buddhismus noch im Taoismus. Beide haben aber ihre eigenen intellektuellen und emotionalen Antriebe gefunden, sich dem Unendlichen im eigenen Inneren zu nähern. In allen Ansätzen wird jedoch dasselbe gesucht, diese große innere Wahrheit, die tief in unserem Herzen, unserem Verstand und unseren Sinnen verborgen liegt – das, mit dem wir uns auf direktem Weg vereinigen können, und was im Gegenzug unsere Herzen, unseren Verstand und unsere Sinne hell erleuchtet. Das ist das Vereinigen (Yoga). Welche Namen oder Glaubensstrukturen man darüber stülpt, das Ergebnis wird dasselbe sein – solange der Aspirant die Motivation findet, die Methoden der Transformation täglich anzuwenden.

Deshalb ist es nicht so wichtig, wie du dazu gelangt bist, an eine Örtlichkeit namens „Kalifornien" zu glauben. Du kannst sie sogar irgendwie anders nennen. Wenn du genug daran glaubst, so dass du nicht aufhörst einen Fuß vor den anderen zu setzen, wirst du irgendwann mit deinen Zehen in den Pazifischen Ozean tippen. Wenn du nicht daran glaubst, dass sie dort zu finden ist, wirst du kaum die nötigen Anstrengungen unternehmen, um dorthin zu gelangen. So einfach ist das.

Denke an Erleuchtung auf gleich welcher Art, die dich am meisten inspiriert, und nütze diese Inspiration, um jeden Tag zu meditieren…

Sei tolerant mit deinen Brüdern und Schwestern, die einen anderen Glauben ehren als du. Jeder muss seine eigene einzigartige Leidenschaft für diese Reise entwickeln und wir sind alle auf dem Weg nach unserem Zuhause.

Der Guru ist in Dir.