Frage: Ich habe deine Lektionen zum Pranayama gelesen und nun habe ich einige Fragen. Ich praktiziere seit langem eine andere Art von Pranayama – wir atmen tief und langsam ein und stellen uns gleichzeitig vor, dass wir Prana aus einem Energiereservoir einatmen, dann halten wir es einige Zeit, atmen es danach langsam aus und stellen uns gleichzeitig vor, dass wir alle negativen Emotionen, Ärger, Sorgen, etc. damit weggeben. Das Rückgrat spielt dabei überhaupt keine Rolle. Dann lese ich in deinen Lektionen, dass wir hier nach einiger Zeit auch den Atem anhalten werden. Das befreit mich teilweise von meinen Zweifeln. Doch bezieht sich meine Frage auf das Visualisieren, das wir beim Ein- und Ausatmen anwenden. Hast du von der Pranayama-Methode gehört, von der ich gerade gesprochen habe? Falls ja, welche Beziehung besteht zu deiner Methode des Pranayama?

Und noch eine andere Frage: Es gibt doch so viele körperlicher Yoga-Asana Übungen? Schließen deine Fortgeschrittenen Yoga Übungen diese alle ein? Oder gehören dazu nur die Meditations-, die Pranayama- und einige Sitzhaltungsübungen? Vielleicht ist es nicht notwendig, diese alle zu üben, um auf dem spirituellen Pfad vorwärts zu kommen. Doch sie halten den Körper auf jeden Fall fitt und energetisiert, oder etwa nicht?

Antwort: Danke, dass du schreibst und dich mitteilst. Es scheint, dass es so viele Arten von Pranayama wie Lehrer gibt. So existieren auch sehr viele unterschiedliche Grade und Arten der Visualisierungen. Zugrunde liegt immer die „Zügelung des Atems“. Das ist der Motor im Inneren, der den Großteil der Prana-Effekte hervorbringt. Der Visualisierung wird oft das zugeschrieben, was eigentlich der grundlegenden Zügelung des Atems (wozu auch das langsame Atmen und Kumbhaka gehören) geschuldet ist. Das soll aber nicht heißen, dass die Visualisierung keinen Effekt hat. Zweifellos bewegt eine Kombination von Aufmerksamkeit und Pranayama das Prana. Doch was ist das Ziel davon?

Mit der Wirbelsäulenatmung spielt man in einer anderen Liga als mit allen andere Methoden der Visualisierung während des Pranayama. Die Wirbelsäulenatmung stammt aus der Tradition des Kriya-Yoga und anderen uralten Quellen und setzt direkt an der Reinigung und Öffnung der Sushumna an, dem spirituellen Hauptnerv in uns (am oberen Ende ist dies auch das dritte Auge). Sobald sich die ekstatische Leitfähigkeit einmal in unserem Nervensystem breit macht, ist die Wirbelsäulenatmung in Wirklichkeit keine Visualisierung mehr. Sie wird zu einer tatsächlichen Verschmelzung von aufsteigendem und absteigendem Prana. Dieses Verschmelzen, das man als die Vereinigung von Shakti und Shiva-Energien in uns wahrnimmt, unterstützt man mit der Aufmerksamkeit. Anstatt dass wir also bewusst Unreinheiten und menschliche Gefühle manipulieren, geht es bei der Wirbelsäulenatmung um die Schulung des pranischen (ekstatischen) Aspekts des Erleuchtungsprozesses in uns und wir überlassen dem auch alles andere.

Tiefe Meditation, wie sie in den Lektionen gelehrt wird, wirkt auf eine ähnliche Weise – wir gehen direkt in Samadhi und lassen diesen Aspekt unserer Natur (innere Stille) die Arbeit erledigen. Viele Formen von Meditation leisten dies nicht und verlegen sich vielmehr auf das Micro-Management des unterbewussten Verstandesinhalts. Das letztere ist kein tiefer Yoga. Zu diesem gelangt man, indem man den Verstand wiederholt zur natürlichen Stille bringt.

Trotzdem ist die Wirbelsäulenatmung im Kern sehr einfach und kraftvoll. Sie wird aber von verschiedenen Kulturen und Traditionen ausgeschmückt und das manchmal soweit, dass es von der Kernübung ablenkt. Es gibt hierzu auch eine eigene Lektion (L206), die für dich vielleicht interessant ist.

Einer der besten Tests für die Wirbelsäulenatmung ist ihre bekannte Heilwirkung bei Kundalini-Ungleichgewichten. Ich habe zu zählen aufgehört, wie viele Leute mit Kundalini-Ungleichgewichten hierher gekommen sind (einige sehr schlimm), die dann fast augenblicklich eine Besserung verspürten, sobald sie mit der Wirbelsäulenatmung begonnen hatten. Ich habe das vor vielen Jahren am eigenen Leibe erfahren, nachdem ich mit vielen Arten von Pranayama und Kumbhaka-Übungen gearbeitet hatte. Ich habe gemerkt, dass die Wirbelsäulenatmung die bei weitem fortgeschrittenste Pranayama-Übung weit und breit ist, ob es sich nun um die grundlegende Form handelt oder um Variationen, die auch andere Übungselemente wie Yoni-Mudra Kumbhaka, Kinn-Pumpe (mit oder ohne Kumbhaka), Wirbelsäulenbastrika, etc. einschließen.

Damit soll nicht gesagt sein, dass deine Art zu üben falsch ist, oder dass du irgendetwas ändern solltest. Deine eigene Erfahrung ist dein bester Führer und du solltest dem entsprechend vorwärts gehen. Es ist immer gut, die Augen für Möglichkeiten offen zu halten, die deine Übungsergebnisse verbessern könnten. Das ist richtig verstandene Wissenschaft.

Bezüglich der Asanas: Wir legen in den Lektionen unser Hauptaugenmerk auf die sitzenden Übungen, weil zur Entwicklung und zur Integration von sitzenden Übungen noch nicht viel geschrieben wurde. Mit den Lektionen haben wir einiges auf den Weg gebracht, diese Lücke zu füllen. Das war wirklich notwendig. Dabei haben wir auch die Asanas nicht ganz außen vor gelassen – wir geben ihnen nur nicht mehr Gewicht als sie in Beziehung zur ganzen Bandbreite von Yoga-Übungen in Patanjalis Yoga-Sutren erhalten. Was wir suchen, ist ein Ausgleich der besten Methoden, um damit einen maximalen Fortschritt zu erreichen.

Heutzutage gibt es Tausende erfahrene Yoga-Lehrer, die Asanas unterrichten und dazu noch hunderte ausgezeichneter Bücher, CD’s und DVD’s zu diesem Thema. Dieses Thema scheint also ausreichend abgedeckt zu sein. Trotzdem fragen hier immer wieder einmal Menschen wegen Asanas an. Deshalb enthält das 2014 auf deutsch erschienen FYÜ-Buch eine Asana-Grundausstattung, die man vor den sitzenden Übungen ausführen kann, und die einem helfen, damit einmal anzufangen. Dann kann man sich nach Wunsch noch zusätzliche Infos zu Asanas besorgen. Bei den Fortgeschrittenen Yoga Übungen dienen die Asanas dem Aufwärmen für die sitzenden Übungen. In anderen Übungssystemen können Asanas auch für sich ein Ziel darstellen, auch wenn sie in Wirklichkeit nur ein Achtel der acht Glieder des Yoga repräsentieren. Das ist unserer Kultur geschuldet, du weißt schon. Aber das verändert sich und geht immer mehr in Richtung auf unsere innere Göttlichkeit, um sie zurück hinaus in die Welt zu bringen. Physische Aktivität ist wichtig, damit Yoga seine Bestimmung erfüllen kann. Asanas helfen uns auf dem Weg hinein, bevor wir uns mit unserem Pranayama und der tiefen Meditation beschäftigen. Wenn wir wieder zurück in der äußeren Welt sind, dann sind eine gesunde Menge physischer Aktivität und nützlicher Bestrebungen in unserem täglichen Leben wichtig. Beide zusammen, unsere sitzenden Übungen und die täglichen Aktivitäten in der Welt, kultivieren das beständige Vorhandensein ekstatischer Glückseligkeit und göttlicher Liebe. Dabei spielen Asanas eine besondere Rolle – sie helfen dem Nervensystem auf der täglichen Reise von der äußeren Aktivität nach innen zu innerer Stille und Ekstase. Mit der Zeit wird das gesamte Leben mit diesen göttlichen Eigenschaften durchtränkt, die wir zunächst als eine innere Erfahrung kultivieren …

Die besten Wünsche auf deinem Pfad. Viel Spaß!

Der Guru ist in dir.