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Meditation ist der Prozess, mit dem man die Aufmerksamkeit nach innen zur Ruhe, zur inneren Stille, zum reinem Glückseligkeitsbewusstsein, zum Zustand des Zeugen, zu Samadhi bringt. All dies beschreibt Aspekte ein und derselben Sache. Wir haben eine besondere Vorgehensweise für die Meditation, die wir für eine vorgegebene Zeit zweimal am Tag durchführen. Das funktioniert wie ein Uhrwerk und mit der Zeit, wenn wir täglich meditieren und danach hinausgehen, um aktiv zu sein, gewöhnt sich unser Nervensystem auf natürliche Weise daran, innere Stille zu erhalten und auszustrahlen. Unser tägliches Leben wird dann aus dem Inneren heraus ruhiger. Wir werden von äußeren Ereignissen weniger überwältigt. Dies ist das Aufkommen der ersten Stufe der Erleuchtung, die dem Vorhandensein innerer Stille in unserem Leben für 24 Stunden und 7 Tage die Woche entspricht.

Haben wir einmal etwas innere Stille erreicht – wenn auch nur ein wenig – dann können wir beginnen, von dieser Ebene eines unendlichen Potentials in uns aus zu operieren. Alles, was existiert, ist daraus manifestiert und wir, die wir das sind, sind fähig, von diesem unendlichen Reservoir des Lebens aus zu manifestieren. Haben wir also erst einmal unsere große Zehe im Unendlichen platziert, können wir beginnen, unsere Transformation zur Erleuchtung damit zu beschleunigen. Und das ist einfach zu bewerkstelligen.

Du erinnerst Dich daran, dass wir in der Meditation einen Gedanken an einen Laut ohne Bedeutung, das Mantra, nutzen, um dem Verstand systematisch zu erlauben, in die Stille zu gehen. Man lässt alle Bedeutung, Sprache oder intellektuellen Inhalte los und ergreift nur den Gedanken an das Mantra, was zusammen in der Lage ist, tief in reines Glückseligkeitsbewusstsein einzutauchen. Das Nervensystem geht mit dem Verstand ebenso in die Stille und unser Stoffwechsel verlangsamt sich.

Bei Samyama fangen wir an, den anderen Weg zu gehen. Nachdem unsere Meditationszeit vorüber ist, ruhen wir ein oder zwei Minuten und gehen in Samyama über. Wir beginnen mit einem einfachen Zustand des Nicht-Denkens, bei dem wir nur in unserer Stille ruhen. Steigen Gedanken auf, lassen wir sie einfach ziehen, ohne auf sie irgendwie einzugehen. Bei der Samyama-Übung nutzen wir auch das Mantra nicht. Wir beginnen damit, nichts zu favorisieren und nur locker und leicht in unserer Stille zu sein, wie viel Stille wir auch von unserer gerade erst beendeten Meditationssitzung und aufgrund unserer Jahre und Monate täglicher Meditation natürlich gegenwärtig haben. Stille ist der Ausgangspunkt von Samyama.

Die einzige Voraussetzung für die Samyama-Übung ist das Vorhandensein von ein wenig innerer Stille. Für die meisten Menschen ist das nach wenigen Monaten täglicher tiefer Meditation entsprechend den Anweisungen in den frühen Lektionen der Fall.

Nun sind wir bereit, mit der Samyama Übung zu beginnen. Man macht das wie folgt:

Bei Samyama führen wir in die Stille Bedeutungen ein. Wir tun dies auf eine einfache, leichte und systematische Weise. Zuerst schaffen wir einen Impuls für eine Bedeutung in der Stille. Dann lassen wir sie in die Stille gehen.

Lass uns mit „Liebe“ anfangen. Das ist ein guter Ausgangspunkt für den Beginn mit Samyama. Wir schlagen vor, dass Du bei Samyama Deine intimste Form von Sprache verwendest, die Sprache, die am tiefsten in Dein Herz dringt, wie immer diese aussehen mag.

In Deiner lockeren Stille greife – nur einmal – das unschärfste Gefühl des Wortes ‚Liebe’ in Deiner eigenen Sprache auf. Sprich es nicht absichtsvoll klar aus und rufe auch nicht mentale Bilder dieser oder jener Szene oder Situation hervor, die für Dich Liebe repräsentiert. Habe nur eine schwache Erinnerung an Liebe und lass sie dann in Deine Stille gehen, in die lockere Stille, in der Du Dich befindest, wenn Du die unklare Bedeutung von Liebe aufgreifst. Denke nicht über Liebe nach und analysiere sie auch nicht während Samyama. Denke überhaupt nicht daran. Komm nur einmal in einer undeutlich subtilen Art zu ihr und lass sie dann in die Stille gehen. Wir gelangen zu einem subtilen Gefühl der Liebe, zu nichts mehr und dann lassen wir los – einfach so.

Nachdem Du „Liebe“ einmal gedacht hast, bleibe für ungefähr 15 Sekunden in der Stille. Sollten irgendwelche Gedanken kommen, lass sie locker und leicht ziehen. Schau nicht auf die Uhr. Mit ein bisschen Übung wird Dir Deine innere Uhr mit ausreichender Genauigkeit verraten, wann fünfzehn Sekunden vorüber sind. Sei einfach für rund eine viertel Minute locker und leicht in der Stille. Greif dann das schwache, undeutliche Gefühl von „Liebe“ noch einmal auf und lass es wieder für ungefähr 15 Sekunden in Deine Stille gehen.

Das sind zwei Wiederholungen von Samyama – das zweimalige Aufgreifen von Liebe auf ihrer subtilsten Ebene des Gedankens und das zweimalige Gehenlassen in die innere Stille.

Welche Wirkung hat dies? Was geschieht?

In dem Maß, in dem wir an der Grenze zur inneren Stille (der feinsten Ebene des Denkens) Bedeutung aufnehmen und sie dann locker und leicht in unsere Stille gehen lassen, wird die Wirkung sehr kraftvoll sein. Innere Stille ist ein riesiger Verstärker für subtile Gedanken. Innere Stille ist der einzige Verstärker von Gedanken. Sie ist die Quelle der Gedanken. Gewöhnlicherweise kommen unsere Gedanken – angeregt durch alles, was in unserem unterbewussten Geist festsitzt – aus der Stille. So viele Gewohnheitsmuster herrschen in unserem gehemmten, unterbewussten Denken, und diese sind es auch, die den Fluss der göttlichen Energie aus unserer inneren Stille in unser tägliches Leben stören und schwächen. Mit Meditation räumen wir die Hindernisse in unserem unterbewussten Verstand aus und entwickeln eine klare Bewusstheit unserer inneren Stille. Mit Samyama wirken wir direkt in unsere innere Stille hinein zur Erzeugung eines Ausfließens positiver Effekte, die das Nervensystem und die Umgebung auf mächtige Wege reinigen.

Bei Samyama fühlen wir vielleicht, wie sich etwas Energie aus unserer inneren Stille herausbewegt. Das kann als körperlich, mental und emotional erfahren werden. Vielleicht fühlen wir aber auch nicht viel, bis wir später aktiv sind und merken, dass wir dann aus keinem erkennbaren äußeren Grund liebevoller und mitleidvoller sind. Wir verwandeln uns aus dem Inneren heraus. Das ist Samyama: Absichten, die sich aus der göttlichen Ebene der Stille in uns hinaus in die äußere Manifestation bewegen.

Samyama ist das, zu was ein Gebet wird, wenn es zur tiefsten Ebene der Kommunion mit dem Göttlichen in unserem Inneren genommen wird – wenn es in die göttliche, innere Stille genommen wird. Effektives Gebet basiert auf diesen Prinzipien von Samyama, die wir hier erörtern.

Jeder Gedanke bzw. jede Bedeutung, die wir in Samyama verwenden, nennt man „Sutra“. Auf Sanskrit bedeutet Sutra: „zusammenbinden" oder "heften“. Der medizinische Fachausdruck im Englischen, „suture“ (Naht) leitet sich von Sutra ab. In Samyama sind Sutren kleinste Einheiten von Bedeutung, die wir dem grenzenlosen, reinen Glückseligkeitsbewusstsein einflößen, damit es sich in das tägliche Leben hinaus ausdehnt und es unser äußeres und inneres Leben „zusammenbindet“. Sutren sind also kleinste Einheiten von Yoga, die wir durch die Samyama-Übung in uns bewusst kultivieren können.

Im dritten Kapitel oder Buch von Patanjalis Yoga Sutren zu übernatürlichen Kräften werden viele Sutren für viele verschiedene Dinge aufgeführt. All diese Informationen sollen nicht dazu dienen, dass wir sofort Ergebnisse oder Kräfte erhalten. Damit wäre niemandem auf seinem Weg zur Erleuchtung gedient. All diese Kräfte wären nur eine große Ablenkung vom Yoga, könnten sie so leicht erreicht werden. Wie in der letzten Lektion erwähnt, ist Samyama glücklicherweise in moralischer Hinsicht eine sich selbst regulierende Übung, was heißt, dass innere Stille (Samadhi) die Voraussetzung für den Erfolg von Samyama ist. Ist innere Stille da, wird auch moralische Verantwortlichkeit und moralisches Verhalten (Yama und Niyama) vorhanden sein, weil all die Glieder des Yoga miteinander verknüpft sind.

Samyama setzt innere Stille (Samadhi) und die Fähigkeit, einen Gedanken aufzugreifen (Fokussieren/Dharana) und ihn nach innen gehen zu lassen (Meditation/Dhyana) voraus. Dann kommen die Ergebnisse aus der inneren Stille automatisch hervor. Haben wir die letzten drei Glieder des Yoga, dann haben wir auch die anderen Glieder. Die aus Samyama gewonnenen Kräfte sind also ihrem Zweck nach göttlich. Auch wenn das so ist, sollten wir uns – wie immer – über den Unterschied zwischen Erfahrungen und Übungen im Klaren sein und darauf achten, dass wir nicht von sich einstellenden Erfahrungen gefangen genommen werden. Ergeben sich Erfahrungen, kommen wir locker zu der Übung zurück, die wir gerade tun.

Wie dies für alle fortgeschrittenen Yoga-Übungen gilt, sind die wahren Vorteile durch Samyama erst nach lang anhaltender täglicher Übung mit einer bestimmten Routine von Sutren zu erwarten. Ändern wir die Sutren jeden Tag oder jede Woche und machen wir unsere Übungen unregelmäßig, werden sich die Wirkungen nicht aufaddieren. Beim Brunnengraben trifft man dann auf Wasser, wenn man immer an derselben Stelle in die Tiefe gräbt. Samyama können wir bei den fortgeschrittenen Yoga-Übungen nach jeder Meditationssitzung folgen lassen, bevor wir noch in Yoni Mudra Kumbhaka gehen (falls wir es an dieser Stelle ausführen) und vor unserer Ruhephase am Ende. Samyama ist eine Fortsetzung unserer Meditationsübung. Zuerst gehen wir mit Meditation hinein und kommen schließlich mit Samyama wieder heraus.

Zu diesem Zweck wird hier eine ausgewogene Reihe von neun Sutren angegeben. Wir schlagen vor, dass man jede für zwei Samyama-Zyklen durchführt, dass man also zweimal jeweils rund 15 Sekunden mit jedem Sutra in der Stille bleibt und dass man so in der vorgegebenen Reihenfolge durch die Sutren hindurchgeht. In wenigen Tagen wird man sie im Gedächtnis haben und es wird einfach sein, mit Nutzung der Samyama-Methode durch sie hindurchzunavigieren und mit jeder Sitzung allmählich immer tiefer zu gehen. Die Sutren lauten:

Liebe

Ausstrahlung

Einheit

Gesundheit

Stärke

Überfluss

Weisheit

Nach innen gerichtete Sinnlichkeit

Akasha – Leichtigkeit von Luft

Jedes Sutra mit den 15 Sekunden der Stille danach sehen wir als Einheit an. Z.B. ist „Nach innen gerichtete Sinnlichkeit“ (steht für Pratyahara, dem Nach-innen-Richten-der-Sinne) ein einzelnes Sutra, dem 15 Sekunden der Stille folgen. „Akasha – Leichtigkeit von Luft“ ist ebenfalls ein einzelnes Sutra, an das sich 15 Sekunden Stille anschließen.

Die Bedeutungen der Sutren kannst Du – wie oben bereits erörtert – in Deine Muttersprache oder Deine tiefste Sprache übertragen. Das gilt für alles außer „Akasha“, was für das Sanskritwort „feinster Äther, innerer Raum“ steht. Von der Physik wissen wir, dass wir Äther sind, leerer Raum im Inneren; hier ist überhaupt nichts Festes. Unser Körper ist das und wenn wir Samyama über „Akasha – Leichtigkeit von Luft“ praktizieren, beginnen wir uns sehr leicht zu fühlen.

Wenn Du jede dieser neun Sutren in Deiner Samyama-Sitzung zweimal machst, wird dies ungefähr fünf Minuten in Anspruch nehmen. Fühlst Du, dass es nötig ist, für ein bestimmtes Sutra mehr zu tun, dann füge das ans Ende hinzu und mache Samyama damit für weitere fünf Minuten. Der Zyklus bleibt weiterhin 15 Sekunden und wir machen damit einfach fünf Minuten lang weiter. Diese fünf Minuten messen wir mit der Uhr ab. Hast Du keine anderen Vorlieben, kannst Du auch das Sutra der Leichtigkeit am Ende noch einmal für fünf Minuten machen. Das ist sehr kraftvoll – eine mentale Kundalini-Technik, die viel Energie durch unser Nervensystem nach oben bringt. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn wir während Samyama mit dem Sutra der Leichtigkeit körperliche Symptome wie Hecheln (automatisches Bastrika-Pranayama) und ein „Gehoppel“ erfahren. Geschieht dies, stelle sicher, dass Du auf einer weichen Unterlage, z.B. einer Matratze sitzt. Auch bei den anderen Sutren können verschiedene Symptome auftreten. Wir bewegen die unendliche innere Stille in uns. Deshalb können die daraus hervorgehenden Manifestationen sehr real und merklich sein. Patanjali nennt diese Manifestationen „übernatürliche Kräfte“ oder „Siddhis“.

Jene, die von Bhakti für die Erleuchtung nur so strotzen, können die Wiederholungen von Samyama auf vier für jedes Sutra erhöhen und mit zehn Minuten eines bevorzugten Sutras oder des Leichtigkeits-Sutras abschließen. Das sind dann ungefähr 20 Minuten der Samyama-Übung. Stelle sicher, dass Du Dir genügend Zeit für das Ausruhen nimmst, wenn Du aus Deiner Routine von Übungen herauskommst, besonders, wenn Du Samyama machst. Sich am Ende für fünf oder zehn Minuten hinzulegen, ist gut. Wende wie immer bei Deinen Übungen Selbstabstimmung an. Mentale Techniken wie Meditation und Samyama sind sehr kraftvoll. Übertreibt man dabei, lädt man sich unangenehme Energieflüsse ein. Jeder wird durch vorsichtige Selbstabstimmung seine angenehme Grenze finden.

Samyama stärkt unsere Präsenz in der Stille des reinen Glückseligkeitsbewusstseins. Es fördert die Integration der inneren und äußeren Aspekte des Nervensystems. Samyama regt das Nervensystem zur Reinigung und Öffnung hin zum zweiten und dritten Stadium der Erleuchtung an und verstärkt auch unsere innere Stille (erstes Stadium) im täglichen Leben. Es verstärkt die allgemeine Kraft unserer Wünsche außerordentlich. Wollen wir etwas erreichen, das sich im Einklang mit dem göttlichen Fluss befindet, wird der Widerstand viel geringer sein und die Hindernisse scheinen förmlich wegzuschmelzen.

Für jene, die in der Stille des reinen Glückseligkeitsbewusstseins leben und die Gewohnheit entwickeln, auf natürliche Weise von dieser unbegrenzten Ebene des Lebens aus zu funktionieren, wird ein ständiger Strom „kleiner Wunder“ zur Normalität.

Führe die Übung des Samyama für einige Monate nach Deiner Meditation durch und sieh selbst. Samyama ist mehr als eine sitzende Übung. Es ist ein Weg des Denkens und Handelns, der in unser tägliches Leben kommt, während wir auf der Straße zur Erleuchtung reisen.

Der Guru ist in Dir.