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Auch wenn die westliche Vorstellung von Tantra stark von der Sichtweise geprägt sein mag, dass es sich dabei um „besseren Sex“ handelt, wissen jene, die besser bewandert sind, dass Sex nur einer der vielen Aspekte der ganzen Tantra-Landschaft ist.


Besserer Sex? Ja


Erleuchtung? Auf jeden Fall.


In der allerersten Tantra-Lektion haben wir bereits darauf hingewiesen, dass dieses alte System die ganze Skala von Übungen abdeckt und sich mit den vielen Variationen des Yoga, genauso wie mit allen anderen spirituellen Systemen auf der Welt überschneidet. Tatsächlich könnte man sagen, dass alle Systeme vom Tantra geliehen (oder Teile gespiegelt) haben und die meisten repräsentieren einen Teil des gesamten Tantra. Dasselbe kann man über den westlichen Blickwinkel auf das Tantra sagen. Man nutzt Tantra als Herangehensweise für die Erhebung der Sexualität zu einer spirituellen Praxis („Neo-Tantra“). Das ist alles schön und gut. Doch besser ist es, sich des Ganzen bewusst zu sein, selbst wenn man seine Neigungen in den Teilen auslebt.


Am Ende hängt unser Fortschritt nicht davon ab, wie gut wir bei unseren isolierten tantrischen Sexualübungen waren. Dieser hängt alleine davon ab, wie effektiv wir bei der langfristigen Nutzung einer gut ausgeglichenen Routine von flächendeckenden täglichen Übungen mit tiefer Meditation, Pranayama der Wirbelsäulenatmung, Asanas, Mudras, Bandhas, Samyama, Selbst-Analyse usw sind. Dabei haben die tantrischen Sexualmethoden eine Rolle zu spielen und die Ansätze und Techniken in diesen Lektionen sind so entworfen, dass ganz unterschiedliche Lebensstile damit unterstützt werden können.


Unser spiritueller Fortschritt hängt auch davon ab, wie wir auf die uns eigene Weise hinaus gegangen sind und uns in der Welt engagiert haben. Damit wirkt die Reinigung und Öffnung, die wir in unseren strukturierten Übungen kultiviert haben, richtig in unser Wesen ein. Während wir vielleicht innere Stille (den Zeugen) und sehr viel Freiheit finden, die aus unseren täglichen sitzenden Übungen resultieren, gelangen wir erst durch das Handeln in der Welt zu einer vollkommenen Integration des inneren und äußeren Aspekts der spirituellen Transformation des Menschen. Durch unser Engagement in täglichen Aktivitäten bewegt sich unsere Lebenswahrnehmung von dem „Ich bin DAS“ zu „Du bist DAS“ und „All dies ist DAS“. 


Der Prozess des Yoga, Tantra und der Erleuchtungsreise hat zwei Seiten, welche Terminologie wir auch immer nutzen, um das zu beschreiben. Es ist immer derselbe Prozess, weil es immer dasselbe Nervensystem ist, mit dem wir arbeiten, wo immer wir in der Welt sein mögen. Die beiden Seiten sind:


- Bleibende innere Stille (der Zeuge): Die Eigenschaft der Stille, die wir in uns durch Meditation und damit verbundene Praktiken aufdecken. Das ist die Freilegung unseres Selbst (großes „S“). Das ist Selbsterkenntnis.


- Ekstatische Leitfähigkeit und Ausstrahlung (Kundalini): Das ist die ekstatische Seite unserer Existenz, die man auch die Lebenskraft oder Prana nennt. Durch Pranayama, Übungen mit dem Körper (Asanas, Mudras, Bandhas) und tantrische Sexualmethoden, die direkt darauf abzielen, den großen Prana-Speicher im Körper, die sexuelle Neurobiologie in der Beckenregion, zu erwecken, wird auch diese ekstatische Leitfähigkeit erweckt und entwickelt. Die ekstatische Leitfähigkeit wird „ausstrahlend“, während sie bleibende innere Stille in die täglichen Aktivitäten bringt. Dies ist die natürliche Vermählung von Stille mit dem energetischen Fluss.


Während wir uns in diesen Tantra-Lektionen auf die sexuellen Aspekte konzentriert haben, haben wir genauso auf die ganze Bandbreite von Tantra in den Haupt-Lektionen fokussiert. Diese breite Abdeckung der Tantra-Methoden entspricht den acht Gliedern des Yoga. Das Ziel bestand darin, zu allen praktischen Aspekten der spirituellen Praxis, die in der heutigen Zeit jeder mit guten Ergebnissen anwenden kann, einen Zugang anzubieten. 


Haben wir unsere Aufgabe als selbstbestimmt Übende erfüllt, werden wir feststellen, dass beide Aspekte der spirituellen Transformation des Menschen im täglichen Leben in uns auftauchen und verschmelzen. Dies führt zu einem Zustand der Freiheit und zur großen liebenden Effektivität, während wir uns in der Welt ganz und gar einsetzen. Wir haben dies als das Ausströmen göttlicher Liebe bezeichnet und auch als „Stille im Handeln“.


Es ist völlig egal, wo wir diese Reise anfangen. Wir können mit der Meditation beginnen oder mit Yoga-Stellungen und Atemübungen, genauso wie mit hingebungsvollem Dienst an anderen.


Für sehr viele beginnt die Reise mit Sex. Aus diesem Grund hat der sexuelle Aspekt von Tantra bei den Fortgeschrittenen Yoga Übungen einen großen Teil der Aufmerksamkeit erhalten, was mache als unverhältnismäßig ansehen. Doch der Weg zur Spiritualität führt für sehr viele über die sexuelle Erfahrung. Auch ohne irgendein Training oder eine organisierte Routine von Übungen werden viele in ihrer sexuellen Verausgabung immer noch einen Geschmack von spiritueller Ekstase finden. Das Einspannen und die Integrieren dieser ekstatischen Eigenschaft in ein umfassendes System von spirituellen Übungen, dient dazu, die Erfahrung außerordentlich zu vertiefen und auszuweiten. Mit zunehmender Erfahrung werden wir angespornt, tiefer in unseren eigenen Prozess der spirituellen Transformation des Menschen hineinzugehen.


Ja, bei vielen beginnt es mit Sex. In uns gibt es ein Tor, das von der Sinnlichkeit zur Spiritualität führt. Wissen wir, wie man die Sinnlichkeit in unsere höheren inneren Reiche ausdehnt, werden wir sehen, wie sie sich in eine ekstatische Glückseligkeit auflöst, die ununterbrochen anhält. Dann wird das allmählich sogar noch transzendiert und zu etwas, das noch größer ist, als das. Wir müssen weitermachen, bis wir herausgefunden haben, was DAS ist. Wir erreichen das nur, indem wir DAS werden. So verläuft die Reise.


Auch wenn wir vielleicht, während wir auf dem spirituellen Pfad reisen, auf große Abenteuer und sehr viel Begeisterung stoßen, werden wir uns letztendlich über die Fixierung auf sinnliche Erfahrungen und die Myriaden innerer Erfahrungen, die die Reinigung und Öffnung begleiten, hinausbewegen, falls wir auf dem Pfad der Übungen vorankommen. Das ist ein „Darüberhinausgehen“, kein Wegstoßen oder eine künstliche Entsagung. Es mag nicht einmal entscheidende Veränderungen in unseren täglichen Aktivitäten repräsentieren. Doch etwas verändert sich und das ist das, was die Erleuchtung und die Freiheit hervorbringt. Es ist das allmähliche Verblassen der Identifizierung unseres Bewusstseins mit den inneren oder äußeren Objekten der Wahrnehmung.


Die anhaltende ursachenlose Freude, die in unserem Inneren aufsteigt, übersteigt die vergängliche Freude, die wir vielleicht zusammen mit Objekten unserer physikalischen, mentalen und emotionalen Umwelt haben. Tatsächlich wird unsere Wahrnehmung aller Objekte fluktuieren, so dass sie zu Zeiten als „gut“ und zu anderen Zeiten als „böse“ erscheinen. Doch sobald wir die innere Freude einmal in den Übungen kultiviert haben, hält sie die ganze Zeit an. Schließlich wird das Betiteln von und die Anhaftung an „Gut und Böse“ in die anhaltende innere Stille und die ausstrahlende Freude verschmelzen, die sich niemals verändern, was immer in der Welt um uns herum geschehen mag.


Dies ist keine kalte Leidenschaftslosigkeit, zu der es da kommt, sondern eine ausstrahlende liebende Leidenschaftslosigkeit, die in der Lage ist, viel zu geben. Sie bereichert definitiv unsere Beziehungen und unser Liebesleben, wann immer wir gerade auf diese Weise eine Beziehung pflegen. Je weiter wir entlang des Wegs unserer spirituellen Evolution gehen, desto effektiver werden die Techniken des tantrischen Sex. So ist es mit allen spirituellen Übungen. Weniger wird zu mehr. Ein Lächeln oder eine Umarmung kann den Kosmos in Wellen ekstatischer Glückseligkeit in Bewegung setzen. Zumindest wird es aus unserer Perspektive auf diese Weise erfahren. Denn was ist die Existenz überhaupt, abgesehen von dem, was wir sehen, dass sie ist? Bei den Methoden des Tantra und des Yoga geht es um die Erhebung unseres Sehens in das Unendliche und darüber hinaus.


Wir erfahren die Existenz als göttliche Polarität in beständiger ekstatischer Vereinigung. Ein beständiges göttliches Liebesspiel, das überall in uns stattfindet. Das ist das Paradox des unendlichen unbeweglichen Göttlichen, das sich ewig in kreativen Ausdrucksweisen bewegt. Wir stellen fest, dass wir alles sind, gleichzeitig aber auch nichts. Wir drücken alles im endlosen Tanz der Stille aus und transzendieren es. Wir sind DAS.


Der Guru ist in dir.