Frage: Die spirituellen Ziele des tantrischen Sex, wie du sie beschreibst, sind edel. Doch ich empfinde es als schwer, das Problem der Entwicklung des männlichen „Stehvermögens“ zu lösen, ohne mehr eine handfeste irdische Belohnung zu bekommen. Wenn ich durch das alles hindurchgehe, wird meine Ehe davon profitieren? Insbesondere: Wird meine Frau mehr Interesse daran bekommen, intime Beziehungen mit mir zu haben?

Antwort: Die Menschheit sitzt ziemlich in der Klemme, wenn es um Sex geht. Wir sind die Hüter dieser großen Kraft, die uns von Gott gegeben wurde. Doch wir arbeiten immer noch daran, die Reife zu entwickeln, mit ihr verantwortungsvoll umzugehen. So bildet Sex den Kern von vielem, an unseren Kräften zehrendem Karma, das wir ein Leben nach dem anderen mit uns herumschleppen.

Sex ist aber in Wirklichkeit gar nicht das Problem. Das Problem ist die Unreife unseres menschlichen Nervensystems. Wir alle gehören auf der Evolutionsleiter zu einer Zwischengattung – zwischen dem Tierreich und dem Reich der göttlichen Wesen. Wir sind eine Gattung des Übergangs. Dieser Übergang ist eng an das Wissen um Yoga, dem Wissen um die menschliche spirituelle Transformation, gebunden.

Die ursprüngliche Sexualkraft beherrscht den Planeten zum Zweck der Erhaltung all der vielen Gattungen. Im Pflanzen- und Tierreich funktioniert dies mit beeindruckender Harmonie. Im Reich der menschlichen Gattung, wo neben den sexuellen Funktionen auch noch das Denken und der freie Wille herrschen, läuft das nicht so harmonisch ab.

Was hat all dies mit dem Locken eines Exemplars des anderen Geschlechts in das Gemach der Liebe zu tun? Alles!

Sexuell gesprochen sind wir eine Gattung lauter „umherwandelnder Verwundeter“, weil wir immer wieder durch die unreifen Prozesse der Wechselbeziehung von Lust suchendem Verstand und der Sexualität verwundet wurden. Unser Sinn für unser Selbst ist darin eingepackt und 99% davon sitzt unter der Oberfläche unserer bewussten Wahrnehmung im so genannten Unterbewusstsein. Viele der Blockierungen, über die wir in den Haupt-Lektionen sprechen, beziehen sich auf die sexuellen Verwerfungen, die im Laufe von vielen Leben aufgetreten sind. Es gibt auch noch andere Arten von Blockierungen. Aber die Blockierungen, die von der Zweckentfremdung des Sexes herrühren, haben auf uns alle einen starken Einfluss. Darauf haben Sigmund Freud und andere aufmerksam gemacht.

Deshalb haben wir Heilung nötig – sexuelle Heilung. Dazu kommt es infolge der täglichen Übungen der Yoga-Disziplinen auch ganz sicher. Wir müssen kaum noch über Sex nachdenken, wenn die Hausreinigung aufgrund der in den Haupt-Lektionen erörterten Rechte-Hand-Methoden der fortgeschrittenen Yoga-Übungen erst einmal in Gang gekommen ist. Dies ist ein ziemlich komfortabler Ansatz zur Reinigung all des unterbewussten Durcheinanders. Bist Du auf Sex nicht angewiesen und hast Du die Rechte-Hand-Übungen, dann hast Du praktisch ausgesorgt.

Für all jene, die Sex brauchen, stellen wir hier die Techniken der „Linken Hand“ vor. Das ist eine andere Geschichte. Es ist nur für Paare gedacht, weißt du, und nur die unerschrockenen brauchen hier einzutreten.

Wie erklärst Du Deiner Frau, dass es Dir für die 100 000 Jahre des Missbrauchs Leid tut? Nicht, dass Du dafür unmittelbar verantwortlich bist. Aber irgendjemand muss sagen: „Es tut mir Leid.“ Das kannst also auch ganz gut Du sein. Und Du brauchst die Entschuldigung nicht weniger als sie. Wir sind alle unzählige Male Mann und Frau gewesen. Wir tragen bereits in diesem Augenblick das Göttlich-Männliche und das Göttlich-Weibliche in uns – verwundet, schlafend, gespalten und nicht dazu aufgelegt, zum göttlichen Schlafgemach überall in uns vorzudringen. Wir sind bei unserer nach innen gerichteten Liebesbeziehung genauso blockiert und funktionsgestört wie in unserer äußeren. Die beiden Arten sexueller Beziehungen gehen parallel. Ist die eine gesund, wird auch die andere gesund sein. Jeder braucht eine Entschuldigung für vergangene Ungerechtigkeiten – millionenfacher vergangener Ungerechtigkeiten, die unsere wachsende mentale Kraft, gepaart mit einem unreifen Nervensystem, verursacht hat. Deswegen brauchen wir niemanden zu tadeln, doch sollten wir alle dafür eine Verantwortung übernehmen und uns gegenseitig trösten. Das Verletzen wird aufhören. Wir werden erwachsen.

Beginne also mit sanftem Berühren, nicht mit dem Ziel von Sex, sondern um für Äonen von Verletzungen zu trösten, um zu lieben. Dies ist für den Einstieg. Wage, Deinem aufrichtigen tantrischen Liebhaber zu vertrauen. Dafür ist sehr viel Mut nötig. Das kann nur mit gütigem Teilen geschehen, um zu zeigen, dass wir uns um den anderen mehr sorgen als um die Sexbesessenheit, die uns eigen ist. Hier kommen die Tantra-Methoden ins Spiel. Ist der Mann Herr seines Samens geworden, ist er bei weitem nicht mehr so besessen. Er wird Zeit haben, sich um die Göttin zu kümmern, die ihn liebt und seine bedingungslose Liebe braucht.

Meist wird es scheinen, als sei sie es, die eine liebevolle Zuwendung braucht. Doch ist sie in ihrer Bedürftigkeit nicht allein. Auch die Männer sind verwundet. Sie vertuschen das, weißt Du. Männern ist es in unserer Gesellschaft nicht erlaubt, sich verletzt zu fühlen. Jedes Zeichen der Verletzbarkeit wird als Schwäche aufgefasst, und damit ist die instinktive Beschützerrolle des Mannes kompromittiert. Sowohl der Mann als auch die Frau brauchen also eine liebevolle Zuwendung. Darauf kannst Du Dich verlassen. Beide brauchen die sanfte Berührung. Beide brauchen jemanden, der mit ihm/ihr ohne Erwartungen schläft. Bringst Du das mit Deiner Liebhaberin fertig – mit ihr ohne Erwartung in der sanften Löffelstellung zu schlafen? Fortschritte in den tantrischen Sexualmethoden dieser Lektionen werden es Dir erlauben, das zu tun und nicht erst, nachdem Du Deine Vitalität zuerst verausgabt hast. Vielmehr kannst Du intim zusammen sein mit ganzer sexueller Vitalität, unverausgabter Sexualität, ohne irgendetwas von Deiner Liebhaberin zu erwarten. Dies ist die Kraft des tantrischen Sex, die Kraft durch Prana vital zu sein – ohne Erwartungen und fähig zu liebevoller Zuwendung. Es ist ein höheres Funktionieren des Nervensystems und eine Art des Reisens jenseits der unreifen Ausdrucksweisen der Sexualität.

Arbeiten wir mit diesen Methoden und Prinzipien, können wir auf die Straße der sexuellen Heilung gelangen. Was ist sexuelle Heilung? Erstens bedeutet es, dass wir keine weiteren Verletzungen mehr zufügen. Dies geschieht, wenn unser Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht reifer wird – mehr von der Art einer liebevollen Zuwendung. Zweitens löst es die in vergangenen unendlichen Zeiträumen und in diesem Leben aufgebauten Blockierungen. Das alles kann man loslassen, wenn man die Linke-Hand- und die Rechte-Hand-Methoden des Tantra anwendet. Sobald wir uns einmal auf dem Weg befinden und es beiden Partnern klar ist, wie die Reise aussieht, ist das eine neue Welt. Wer wird dann nicht vom Liebesgemach angezogen sein?

Du siehst also, das Entwickeln des männlichen Stehvermögens bringt ganz praktische Vorteile. Es ist der erste Schritt auf einer Heilreise, der sexuellen Reise. Es kann die Qualität einer Beziehung in kurzer Zeit von Grund auf verändern. Sich nur darauf zu verständigen, dass man auf dieses Ziel gemeinsam hinarbeitet, ist in der Beziehung ein riesiger Sprung nach vorn. Dies ist jedoch nur der anfängliche Gewinn. Der langfristige Gewinn ist noch viel größer – unendliche ekstatische Glückseligkeit!

Vor einigen Jahren kam ein amerikanischer Spielfilm in die Kinos, den ich unter dem Gesichtspunkt des Themas der sexuellen Heilung empfehle. Er heißt: „Bliss – im Augenblick der Lust“ mit den Schauspielern Craig Sheffer, Sheryl Lee and Terence Stamp. Es ist eine Geschichte aus unserer Zeit über die Beziehung eines jungen verheirateten Paares. Sie ist unterhaltsam, erotisch und auch eine ernste Studie über Beziehungen, sexuelle Heilung und die Heilung der Psyche. Du wirst den Film wahrscheinlich in deinem lokalen Videoverleih finden. Es ist nicht alles, was wir hier in den fortgeschrittenen Yoga-Übungen erörtern, aber es veranschaulicht einige der wichtigsten Punkte zu sexuellen Beziehungen, die wir hier angesprochen haben, sehr gut.

Der Guru ist in Dir.