Lektion 413 – Ist Erleuchtung Kein-Ding oder Alle-Dinge?

Frage: Ich habe Schwierigkeiten zu verstehen, wie alle spirituellen Pfade „am selben Ort enden“. Zum Beispiel wird in einigen Lehren behauptet, dass Erleuchtung überhaupt keine gefühlsbedingte Erfahrung (keine Freude, keine Trauer, keinen Wunsch) nur „vollkommene Klarheit“ beinhaltet. Und ich glaube, dass das etwas anderes ist, als die Erfahrung von Liebe, die nach außen strahlt. Sie fordern auch keinen Wunsch nach Übungen ein, während in anderen Traditionen die Menschen aktiv Hingabe, Übungen usw. praktizieren. Die meisten aus der buddhistischen Tradition scheinen keine „Kundalini“ zu erfahren, während andere Pfade die Kundalini in den Mittelpunkt stellen. Ist Erleuchtung wirklich ein Ding oder sind es viele Dinge?


Antwort: Ja, es endet alles am selben Ort. Und wo ist das? Ist es ein Ort des Nicht-Tuns oder ist es ein Ort der ausfließenden göttlichen Liebe? Oder beide zur selben Zeit? Und wenn es ein Tun ist, ist es persönlich oder unpersönlich? Ein Nicht-Tun, das etwas tut, was wir oft „Stille im Handeln“ genannt haben? Das ist ein Paradox. Wie wir es nennen, ist nur davon abhängig, wie sich die Dinge entwickeln. Und wie sie vielleicht in unserem Verstand als Objekte repräsentiert sind.


Zum Beispiel: Ist kein Wunsch wirklich kein Wunsch? Üblicherweise bringen Übende der Fortgeschrittenen Yoga Übungen ihre Vorbehalte zum Thema „keinen Wunsch“ zu haben auf der einen oder anderen Stufe ihrer Entwicklung zum Ausdruck. Ist der Ausdruck von Vorbehalten kein Wunsch? Natürlich nicht. Es ist eine schale Zeitperiode von Zeugenschaft, die wir erfahren können, bevor sie in der täglichen Aktivität als Ausstrahlung sichtbar wird. Die persönliche Motivation ist vielleicht nicht mehr da und man mag sie vermissen (wie eine verlorene Gewohnheit), doch die Motivation zu handeln wird nicht weg sein. Sie kommt von tiefer im Inneren, von der inneren Stille. Andernfalls würden wir am Morgen nicht aus dem Bett kommen.


Was die „Kundalini“ betrifft, ist es nur ein Name, der auf die entwicklungsgemäße Energie zeigt, die sich im Inneren bewegt. Einige Traditionen entscheiden sich dafür, den energetischen Zustand der Entfaltung nicht zu bezeichnen doch seine Existenz auf allen Pfaden kann man nicht abstreiten. Ob man sie benennt oder nicht, die Energetik tritt auf. Wenn man behauptet, dass die Energetik nicht vorhanden sei, dann ist sie entweder noch nicht aufgetreten oder wurde nicht wahrgenommen. Es ist nicht notwendig, zur Energetik (Kundalini) zu eilen. Und es ist auch nicht notwendig, sie abzustreiten. Alle Dinge zu ihrer Zeit.


Ist „vollkommene Klarheit“ ein Endzustand? Ist „ausströmende göttliche Liebe“ ein Endzustand? Ist Erleuchtung Kein-Ding oder Alle-Dinge? Die Wahrnehmungen dieser Erfahrungen sind bloße Strukturen im menschlichen Geist, die nur wenig Bedeutung haben. Die Wahrheit ist, dass es keines von diesen ist und beide von diesen und es gibt dazu kein Ende. Das ist der wichtige Punkt. Jeder der sagt: „Das ist es“, und darauf stur beharrt, geht am Ziel vorbei, denn es gibt kein „ES“, keinen Endzustand, keine Scheidung vom Leben, kein andauerndes Engagement im Leben. Es ist ein Prozess im Hier und Jetzt. Jene, die sagen, dass es Kein-Ding ist können vielleicht feststellen, dass sie ein bisschen stecken geblieben sind und trotzdem spirituell integriert werden. Nicht-Beteiligung am Leben ist Dualität. Jene, die sagen, es sei nur Alle-Dinge, müssen noch lernen, dass sie das EINE sind, das nichts inmitten aller Dinge macht. Es gibt keine klare Antwort. Jene, die nach einer klaren Antwort suchen, werden keine finden.


Klarheit kommt, sobald das Paradox des gleichzeitigen Nicht-Tuns und Tuns in den täglichen Erfahrungen gewöhnlich wird und es ist dann nicht mehr notwendig, zu sagen, dass es dies oder das nicht mehr ist. Es ist einfach und wir sind sowohl in ihm als auch außerhalb von ihm. Dies schließt das Durchleben der anscheinenden Ungerechtigkeiten im Leben, ohne dass man dabei leidet, ein.


Es gibt nur einen Weg, wie wir herausfinden können, um was es dabei geht: Praktizieren. Es gibt einen Prozess, einen Pfad und wir können auf ihm reisen; nicht mit dem vorstellenden Versand, sondern mit dem Vehikel unserer Neurobiologie. Wir sind das Tor und dieses Tor führt uns über den Verstand und all seine Definitionen hinaus.
Wir müssen uns auf niemandes Wort verlassen. Lass uns praktizieren. Dann werden wir wissen.


Der Guru ist in dir.

Über den Autor

Yogani

Yogani ist ein anonymer US Amerikaner, der 2003 begann, im Internet sein spirituelles Wissen in Form von Lektionen zu veröffentlichen und damit auf einen großen Kreis Interessierter weltweit traf. Im Laufe der Jahre entstand Daraus eine umfassende Bibliothek zu allen Aspekten des Yoga. Inzwischen gibt es viele Übersetzungen in andere Sprachen. Die Lektionen sind immer noch kostenlos abrufbar. Heute gibt es auch Bücher, Hörbücher, Ebooks und im Englischen eine PLus-Mitgliedschaft sowie ein gut besuchtes Forum.

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