Lektion 355 – Tiefe Meditation – einige Gedankenstützen, Eselsbrücken, Erinnerungen

Frage 1: (1. Übender): Ich war ziemlich lange ein Schüler der Schule „Ändere deine Übung jede Woche“. Damit habe ich eine Menge lateralen Fortschritt gemacht. Du warst nun der Erste, der mir etwas in seiner Einfachheit so Effektives angeboten hat, dass ich den Wunsch verspüre, darin sesshaft zu werden. 

Hier ist das, was ich entdeckt habe, was da bei der I AM Mantra-Meditation abläuft. Das Halten des Mantra im Vordergrund, koste es, was es wolle, das bedeutet für mich nicht nur eine Konzentration auf den Klang … das Spielen damit hat mich dazu gebracht, mich demgegenüber passiv zu fühlen. Eine starke Absicht, es im Vordergrund und im Zentrum zu halten, bewirkte etwas ganz anderes. Nicht meine lang für gut befundene Vorstellung, dass Meditation eine Übung der Kultivierung von Ruhe oder irgendeines anderen emotionalen Zustands sei. In Wirklichkeit habe ich damit manchmal ziemlich negative Zustände hereingeholt. Ich habe herausgefunden, dass wenn ich dieses Mantra nutze, und zwar mit Entschlossenheit, dann besitze ich jetzt alle Gedanken, die ich unterbreche. Das Ding, das ich über einen umherschweifenden Verstand aufgespürt habe, ist, dass ich mich verliere. Ich konzentriere mich auf Dinge außerhalb von mir selbst. Das geht so weit, dass ich vergesse, dass ich derjenige bin, der denkt und dass das ein aktiver Prozess ist. Ich verliere die Kontrolle und werde zum Opfer meiner Umgebung. Trete ich mit einem vorsätzlichen und bedeutungsvollen I AM in die Mitte irgendeines Gedankenprozesses – dann sind diese Gedanken plötzlich nur wieder meine Gedanken und nicht irgendeine Realität, die größer ist als ich, von der ich nur ein Teil bin, sondern im Gegenteil nur ein Teil von mir.

Was also jetzt passiert: All das Zeug worunter ich sonst immer litt, gut ich fühle mich ausgesprochen verantwortlich dafür. Ich sehe, wie das die ganze Zeit ich war. Und da drin gibt es einige unschöne Dinge. Ken Wilber spricht über Psychoanalyse und den Schatten. Eckhart Tolle spricht über die Schmerzkörper. Doch es ist einfacher als das. Es ist nur, was ICH BIN. Und da steckt Kraft drin, auch wenn man nur im Besitz von dem unschönen Zeug ist. Das unschöne Zeug verursacht Leiden. So würde ich es mir lieber nicht zu eigen machen. Deshalb projiziere ich es in die äußere Welt, indem ich mich in meine Gedanken verliere und vergesse, dass ich derjenige bin, der sie denkt. Sie zu besitzen gibt mir diesen Teil von mir selbst zurück.

Ich denke also, dass Karma vor allem die Wirkungen von dem Teil von uns ist, den wir leugnen. Das sind Momente in der Zeit, in denen wir vergessen, bewusst zu sein, um zu vermeiden, dass wir einigen ihrer unschönen Elemente begegnen. Und ich plane das, indem ich den Besitzanspruch und die Verantwortung für diese unschönen Teile wieder einfordere. Ich lerne sie auf so eine Weise zu lieben, dass mein Karma „wegbrennt“ oder ehrlicher ausgedrückt, sich mit dem in Einklang bringt, was ich sein sollte. 

Antwort 1: Danke, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Ich möchte dich nur daran erinnern, dass das Aufgreifen des Mantra ein locker und leichtes Favorisieren ist, und nicht etwas, das erreicht werden muss, „koste es was es wolle“. Erkennen wir, dass wir in Gedanken abgedriftet sind, auch Gedanken zu dem, was gerade in der Meditation passiert oder passieren soll, dann kehren wir locker und leicht auf der mentalen Ebene der Klarheit oder Verschwommenheit, auf der wir uns im Moment befinden, zum inneren mentalen Klang des Mantra zurück. Dort angelangt, werden wir das Mantra wieder verlieren. Sobald wir das merken, können wir wieder locker und leicht auf der jeweiligen Schwingungsebene zurückkehren usw. Unter Anwendung dieser Vorgehensweise gehen wir während unserer Sitzung immer tiefer hinein. Das Mantra ist also ein sehr flexibles Gefährt für unsere Aufmerksamkeit, um von einer deutlichen mentalen Aussprache zu einer sehr schwachen und verschwommenen, kaum merklichen Schwingung zu gelangen. Auf diese Weise nehmen uns das Mantra und die besondere Vorgehensweise für ihren Gebrauch tief hinein in die innere Stille, in das reine Glückseligkeitsbewusstsein jenseits allen Denkens.

Wir meditieren auch nicht über die Bedeutung der englischen Worte I AM. Wir nutzen nur den Klang. Es ist genauso, als würden wir ein anderes Buchstabieren wie AYÄM, verwenden. Das hat keine Bedeutung.

Es ist völlig in Ordnung, wenn man nach der Meditation analysiert. Analysiert man jedoch während der Meditation, muss man das als einfachen Gedankenstrom wie jeden anderen ansehen und folglich locker und leicht zum Mantra zurückkehren. Das ist eine recht einfache Vorgehensweise. Halten wir nur zweimal am Tag daran fest, dann werden wir wahrscheinlich in einigen Wochen oder Monaten Veränderungen in unserem täglichen Leben feststellen – mehr innere Stille, Frieden, Kreativität und Energie. Diese „bleibende innere Stille“, die wir kultivieren, ist das Fundament für die Erleuchtung und alles andere, was wir in den FYÜ-Lektionen diskutieren, leitet sich davon ab. 

Fängt man damit an, denkt man an das Mantra üblicherweise als eine Art Rammbock, der die Wand zwischen uns und der Erleuchtung niederreißt, um unsere mentalen Strategien voranzubringen, wie immer diese aussehen mögen. Das nennen wir manchmal die „klobige Phase“. Wie das bei vielen Dingen ist, die man im Leben das erste Mal macht, kann es einige Zeit dauern, bis man sich an die Meditation gewöhnt. Sobald wir uns daran gewöhnen, verfeinert sich die Übung auf natürliche Weise. In Wahrheit reißen wir die Wand nicht ein. Mit der tiefen Meditation werden wir wie sehr feiner Dampf und gehen direkt durch sie hindurch. Es gibt also in Wirklichkeit überhaupt nichts, das wir besitzen müssen – unser Karma oder irgendetwas anderes. Bewegen wir uns von der tiefen Meditation mit der Hinzunahme von Übungen wie Samyama und Selbst-Analyse weiter, wird unsere Unabhängigkeit von Karma, von unserem Denken und unserem Ego zunehmend klar. So stellt sich das Aufkommen des Zeugen dar. Dann können wir auf natürlichen Wegen Gedanken, Gefühle und Energieblockaden auf eine Weise durchdringen, dass diese nicht weggestoßen werden und wir nicht genötigt sind, sie zu „besitzen“.

Mit der Zeit wird die Wand (unsere inneren Blockaden) von innen heraus aufgelöst und reines Glückseligkeitsbewusstsein kommt daraus auf natürliche Weise zum Blühen, 24 Stunden 7 Tage die Woche. Wir sind DAS.

Frage 2: (2. Übender)::Das Mantra verschwindet ganz sicher während des Übens. Doch es ist das Verfeinern des Mantra, das, wie ich glaube, bei mir fehlen könnte. Ist das Verfeinern ein Prozess von klarer mentaler Aussprache hin zu einem feineren Klang? Ist es vergleichbar damit, von einer tiefen Tonhöhe zu einer höheren überzugehen?

Antwort 2: Ja, während der tiefen Meditation verändert sich das Mantra auf natürliche Weise von einer klaren Aussprache zu einem feinen mentalen Klang. Das ist aber keine Frage der Tonhöhe (tief oder hoch), sondern des Grades der Klarheit. Die Tonhöhe ist egal, wenn das Mantra klar ist und auch wenn es verschwommen ist. Das ist etwas, auf was wir keinen Einfluss haben. Wir können es nur zulassen – „Zulassen“ im Gegensatz zu „Kontrollieren“. Dann schleicht sich das in unser tägliches Leben, was das Leben harmonischer und flüssiger macht. Wir können da unmittelbare Auswirkungen auf unser tägliches Leben wahrnehmen oder nicht, sie sind aber auf jeden Fall da. Man braucht sich davon nicht beunruhigen zu lassen. Lass es einfach geschehen. Je mehr wir in der Lage sind, diese mentale Verfeinerung während der tiefen Meditation zuzulassen, desto mehr werden wir sie auch im täglichen Leben zulassen können. Darin besteht die Gewohnheit ansteigender innerer Stille. Da gibt es eine direkte Beziehung. 

Verschwindet das Mantra während der tiefen Meditationsübung, ist das gut. Bemerken wir dann, dass wir vom Mantra weggekommen sind, kehren wir locker und leicht zu ihm zurück. Wir erfahren vielleicht in unserem denkenden Bewusstsein Gedanken sehr klar. In diesem Fall kommt das Mantra einer klaren Aussprache gleich. Möglicherweise sind wir auch sehr fließend und verschwommen. In diesem Fall kehren wir zu dem Mantra in der Form der fließenden Verschwommenheit zurück. Vielleicht sind wir auch in der Stille und uns kaum bewusst, dass wir vom Mantra abgekommen sind. In diesem Fall favorisieren wir das Mantra als Stille selbst. Das Letzte mag wie ein Paradox erscheinen: Etwas im Nichts favorisieren. Doch das ist es, was es ist. Das ist alles, was wir tun müssen – zum Mantra zurückkommen, wo immer wir uns befinden, anstatt die Aussprache dazu zu zwingen, etwas anderes zu sein, entweder klarer oder verschwommener. Das Loslassen führt in der Regel zu mehr Verschwommenheit, doch nicht immer. Die im Nervensystem auftretende Reinigung kann überall hinführen. Wir lassen einfach zu, was immer passiert, reiten darauf, wo immer es hinwill und kehren zum Mantra zurück, wo immer wir uns befinden. Mehr haben wir nicht zu tun.

Frage 3 (dritter Übender): Das Mantra bringt mich im Augenblick wirklich zur Strecke. – es ist wie ein Honigtopf, der Fliegen und Wespen anzieht, geschäftige, aufdringliche komplexe Gedanken bzw. Tagträume – doch das ist vorher auch schon so geschehen und ich erwarte, dass das wieder vorübergeht. Die Frage – gut, ich glaube, es sind zwei Fragen:

Wirkt das Mantra wie ein psychischer Magnet, der all diesen Unrat aus meinem Unterbewusstsein heraussaugt?

Und die zweite, wichtigere Frage. Während diese Phase anhält, habe ich alle anderen Übungen außer Samyama aufgegeben. Ich habe Pranayama der Wirbelsäulenatmung gemacht, die Kinnpumpe, Yoni Mudra Kumbhaka und das kosmische Samyama. Das hat alles gut funktioniert. Doch bist du der Ansicht, dass man die Wirbelsäulenatmung, wenn überhaupt möglich, als eine notwendige Beifügung zur tiefen Meditation ausführen sollte?

Antwort 3: Das hört sich an, als gäbe es bei dir einige verzögerte Reaktionen, weil du früher ein „volles Boot“ an Übungen genutzt hast. Das kann sich dann alles wunderbar anfühlen. Doch im Untergrund wird viel losgelöst – und dann bricht eines Tages der Damm. Aus diesem Grund fügen wir zusätzliche Übungen vorsichtig hinzu, nur eine auf einmal, und geben dem sehr viel Zeit, damit es sich stabilisieren kann, bevor wir mehr dazunehmen (zumindest Monate und nicht nur Tage oder Wochen), damit wir wissen, welche Wirkung jede Übung langfristig hat und die Dinge dementsprechend einrichten können.

Es braucht seine Zeit, bis man sich eingewöhnt, doch man gewöhnt sich ein. Stelle nur sicher, dass du weiter die nötige Selbstabstimmung anwendest und dich erdest. Denke auch immer dran, dass Bhakti und jede andere spirituelle Aktivität, auf die wir uns einlassen, die Überlastung vergrößern kann. Die Selbstabstimmung greift also über die reinen FYÜ-Übungen hinaus. 

Dann zu dem Vergleich, das Mantra sei wie ein „psychischer Magnet“: Ich glaube nicht, dass die Analogie so zutreffend ist. Denn wir gehen ja während der tiefen Meditation wiederholt über das Mantra und alles Denken hinaus. Es gibt da also kein Mantra oder eine externe (psychische) Funktion, die wir kultivieren. Das Mantra ist lediglich ein Fuhrwerk, ein Vehikel in die Stille hinein, wenn auch ein sehr effektives. Es ist vielmehr das Aufkommen der daraus resultierenden inneren Stille, was alles auflöst.

Offensichtlich würden wir unsere inneren Blockierungen gerne auflösen. Doch ist die Geschwindigkeit wichtig, mit der wir das tun. Zu viel auf einmal kann zu Verzögerungen führen, weil wir dann unter Umständen hauptsächlich damit beschäftigt sind, übermäßige Energieflüsse zu stabilisieren. Der Schlüssel liegt darin, ein Gleichgewicht zwischen unseren Übungen und dem normalen täglichen Leben herzustellen. Hält man die beiden im Gleichgewicht, kann man spirituell enorm schnell vorankommen, selbst wenn man in der Welt vollumfänglich aktiv ist.

Falls es bei der momentanen Dauer der Übungszeit immer noch zu übermäßiger Auflösung kommt, ist es in Ordnung, bei der Übungszeit so lange zu kürzen, bis sich die Dinge wieder beruhigt haben.

In einigen Fällen kann auch die Wirbelsäulenatmung zu einer Stabilisierung führen. Das stellst du aber nur fest, wenn du ein wenig davon vor der tiefen Meditation probierst. In Lektion 69 findest du dazu eine ausführlichere Erörterung.

Der Guru ist in dir.

Über den Autor

Yogani

Yogani ist ein anonymer US Amerikaner, der 2003 begann, im Internet sein spirituelles Wissen in Form von Lektionen zu veröffentlichen und damit auf einen großen Kreis Interessierter weltweit traf. Im Laufe der Jahre entstand Daraus eine umfassende Bibliothek zu allen Aspekten des Yoga. Inzwischen gibt es viele Übersetzungen in andere Sprachen. Die Lektionen sind immer noch kostenlos abrufbar. Heute gibt es auch Bücher, Hörbücher, Ebooks und im Englischen eine PLus-Mitgliedschaft sowie ein gut besuchtes Forum.

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