Lektion 356 – Erkennungsmerkmale der beziehungsvollen Selbst-Analyse

Frage: Wie kann ich das feststellen, dass ich mich in der beziehungsvollen und nicht in der nicht beziehungsvollen Selbst-Analyse befinde. Es scheint mir, als würde ich meine Gedanken beobachten. Doch ich hatte auch den Eindruck, dass da das Denken das Denken beobachtet. Woran erkenne ich, dass es der stille Zeuge ist, der den Verstand beobachtet – oder dass es beziehungsvoll ist, wie du das nennst?

Antwort: Ein geeigneter Weg, die beziehungsvolle Selbst-Analyse zu erkennen, besteht darin, sich bewusst zu machen, was sie nicht ist. Wenn da Anspannung, Erwartung, Intellektualisierung, Urteilen, Frustration, Kopfschmerz, usw. dabei ist, dann ist dies ein Hinweis auf eine nicht-beziehungsvolle Selbst-Analyse und es ist das Beste, in solchen Fällen das Ganze etwas lockerer anzugehen (Selbstabstimmung). Mit dem Aufkommen der inneren Stille (Zeuge) werden derartige Symptome weniger da sein und wir bemerken ganz einfach Gedanken und Gefühle als Objekte in unserer Bewusstheit. Wir klassifizieren sie nicht länger und hängen ihnen nicht länger nach. Auch sehen wir sie nicht länger als Erweiterungen unseres Selbst oder als „Gepäck“ an, das wir herumschleppen müssen. Wir betrachten sie als außerhalb von unserem Sinn vom Selbst befindlich. Geht die Analyse zunehmend freudig und leuchtend vonstatten, sowohl in guten wie in schlechten Zeiten, dann können wir sicher sein, dass sie auf dem Wege ist, beziehungsvoll zu werden, d.h. dass sie in die Stille (den Zeugen) losgelassen wird.

Die fortlaufenden Stufen, in denen sich die Selbst-Analyse entwickelt, findest du in Lektion 350. Das ist eine lange Lektion, doch eine in der die verschiedenen Stufen und Stile der Selbst-Analyse relativ klar herausgearbeitet werden.

Der Terminus „beziehungsvoll“ wurde geprägt, um die Beziehung zwischen bleibender innerer Stille (dem Zeugen) und Gedanken zu bestimmen. Diese Beziehung wird durch das natürliche Loslassen (Gehenlassen) von Gedanken in die Stille, das Verschmelzen des einen mit dem anderen, hergestellt, was auch Samyama ist. Das ist die Grundlage für eine effektive Selbst-Analyse, göttliches Ausfließen, Stille im Handeln, spontane Siddhis (kleine und große) und Freiheit von den Höhen und Tiefen dieser Welt, selbst wenn wir weiterhin aktiv in ihr bleiben.

Vor dem Aufkommen von innerer Stille als bleibende Gegenwart, kann es nicht zu dieser Beziehung kommen. Bis dahin sind es lediglich Gedanken, die mit Gedanken interagieren und das ist mit den zuvor erwähnten problematischen Symptomen behaftet. Der Terminus dafür lautet „nicht-beziehungsvoll“, was ausdrücken soll, dass die Gedanken keine Beziehung zur Stille haben. Mehr zur beziehungsvollen und nicht-beziehungsvollen Selbst-Analyse findest du in Lektion 325.

Diese Termini in den Lektionen zur Selbst-Analyse wurden geprägt und betont, weil wir den wichtigen Punkt klarstellen wollten, dass die Selbst-Analyse keine brauchbare Übung ist, solange nicht wenigstens die Anfänge des Zeugenstadiums erreicht sind. Es ist nicht schwierig, das in der tiefen Meditation zu kultivieren. In Neo-Advaita-Lehren wird dies allerdings oft außer Acht gelassen. Ich sage „Neo-Advaita“, weil sich bei etwas eingehenderer Betrachtung ergibt, dass die großen Advaita und Jnana-Yoga-Lehrer klar die Rolle des Zeugen, von Bhakti und Yoga-Übungen erkannt haben. Das moderne Neo-Advaita neigt dazu, das alles zu entblößen, bis nur die kahle Logik übrigbleibt. Dann bildet es sich auch noch ein, dass es damit einen „alleinstehenden“ und effektiven Ansatz für jeden auf jedem Abschnitt des Pfades bereitstellt. Das ist ganz eindeutig nicht der Fall.

Die Termini „beziehungsvoll“ und „nicht-beziehungsvoll“ sind also dem Ansinnen entsprungen, den Unterschied zwischen einer Selbst-Analyse ohne Zeugen und einer solchen mit Zeugen so klar wie möglich herauszustellen. In der FYÜ-Gemeinschaft von Übenden haben die Erfahrungen vieler die Entwicklung dieser Dynamik in täglichen Yoga Übungen, bei denen sich die Analyse stetig mehr vom Nicht-Beziehungsvollen zum Beziehungsvollen hinbewegt, bestätigt. Mit welchen Worten wir dies auch immer umschreiben, die Veränderung ist deutlich spürbar. Viele heutzutage tauchen in die Selbst-Analyse mit ziemlich guten Ergebnissen ein, während das noch vor ein paar Jahren nicht-beziehungsvoll ablief und von geringerer Relevanz war. Das ändert sich mehr und mehr, weil immer mehr Übende feststellen, dass bleibende innere Stille in ihrem Leben aufkommt. Deshalb konzentrieren wir uns auf dieser Stufe der FYÜ-Lektionen mehr auf die Selbst-Analyse. Zu Beginn hätte dies nur wenig Sinn gehabt. Alle Dinge zu ihrer Zeit.

Wie bei jedem Terminus, der eine Stufe oder einen Meilenstein anzeigt, wollen wir nicht, dass aus „beziehungsvoll“ und „nicht-beziehungsvoll“ Etiketten für jene werden, die etwas haben oder nicht haben. Das ist nicht der Zweck. Wir wollen nur dazu inspirieren, dass man sich fortgesetzt der täglichen tiefen Meditation (und Samyama) widmet, solange die Selbst-Analyse noch keine richtige Zugkraft entwickelt. Gäbe es für diese Fälle keine klare Handlungsanweisung, könnte die Neigung bestehen, seinen Kopf lange Zeit in Form der nur auf Gedanken basierenden Selbst-Analyse gegen die Wand zu schlagen und/oder frustriert zu werden, was zur Folge hat, dass man spirituelle Übungen ganz aufgibt. Wir würden solche Szenarien gerne vermeiden. Deswegen weisen wir auf einen praktischeren Zugang hin, mit klaren Meilensteinen für die Navigation, die wir entlang des Wegs erkennen können. Dann sind wir in der Lage, unsere Übungen dementsprechend zum Zwecke von besten Ergebnissen selbst abstimmen.

Das kraftvolle Selbst-Analyse-Sutra, das wir erst kürzlich in Lektion 351 dem Kern-Samyama hinzugefügt haben, dient ebenfalls dem Zweck, den Übergang von der nicht-beziehungsvollen zur beziehungsvollen Selbst-Analyse möglichst reibungslos zu gestalten. Man kann dieses mit hinzunehmen, sobald es gut gelingt, die Kern-Samyama-Übung durchzuführen. Dabei gibt es auch nicht das Risiko von kompletter nicht-beziehungsvoller Selbst-Analyse, selbst wenn sich die Gegenwart unseres bleibenden Zeugen  noch in den Anfangsstadien befindet.

Der Guru ist in dir.

Über den Autor

Yogani

Yogani ist ein anonymer US Amerikaner, der 2003 begann, im Internet sein spirituelles Wissen in Form von Lektionen zu veröffentlichen und damit auf einen großen Kreis Interessierter weltweit traf. Im Laufe der Jahre entstand Daraus eine umfassende Bibliothek zu allen Aspekten des Yoga. Inzwischen gibt es viele Übersetzungen in andere Sprachen. Die Lektionen sind immer noch kostenlos abrufbar. Heute gibt es auch Bücher, Hörbücher, Ebooks und im Englischen eine PLus-Mitgliedschaft sowie ein gut besuchtes Forum.

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