Es ist schon komisch, weißt Du, wie sich eine Vorstellung von Tantra-Yoga herauskristallisiert und als Mehrheitsmeinung unserer modernen Gesellschaft breit gemacht hat. Die meisten haben die Vorstellung heutzutage, dass es bei Tantra um Sex geht – besseren Sex, ekstatischeren Sex, „spirituelleren Sex“. Daher ist „Sex, Sex, Sex!“ der Lockruf von Tantra geworden. Haben wir einen eingleisigen Verstand oder was? Das ist aber alles einfach zu klären. Die meisten von uns finden das Spitzenerlebnis ihres Lebens im Sexualakt, insbesondere im überwältigenden Genuss des Orgasmus. Deshalb ist es kein Wunder, dass wir eine Kultur haben, die sexbesessen ist – normalerweise dafür, manchmal dagegen und immer in Hochachtung davor. Wir wissen alle, dass Sex uns irgendwie mit einer höheren Dimension dessen verbindet, was wir sind. Es ist eine Tatsache, dass uns Sex in der Liebe, in der Familie und letztendlich mit unserem spirituellen Leben zusammenbindet. Wir sind also ganz natürlicherweise sexbesessen. Das bildet die Wurzel von allem, was wir sind. Es definiert uns. Ein tiefliegendes Verlangen, das wir alle besitzen, ist, auf ewig mit der Ekstase zu verschmelzen, die in diesem Ding, „Sex“ genannt, enthalten ist.

Um die letzten Geheimnisse von Sex entwirren zu können, sind wir gut beraten, einen weiten Blickwinkel darauf einzunehmen. Das ist dann der eigentliche Punkt, an dem Tantra ins Spiel kommt.

Was, wenn ich Dir erzählen würde, dass es bei Tantra hauptsächlich um Meditation, Pranayama, Bandhas, Mudras und Asanas geht – um all die Dinge, über die wir in den Fortgeschrittenen Yoga Übungen die ganze Zeit gesprochen haben? Es entspricht aber der Wahrheit, dass es beim Tantra hauptsächlich um diese Dinge geht. Ja, es geht dabei auch um Sex, wie wir das in den Haupt-Lektionen schon relativ früh zur Sprache gebracht haben. Wir haben keinen Bogen um das Thema Sex gemacht, da es beim ganzen Prozess der Erleuchtung eine Rolle spielt. In der Tat ist Erleuchtung gar nicht möglich, wenn unsere Sexualität nicht in den Prozess des Yoga mit einbezogen wird – dem Prozess der Vereinigung unseres inneren göttlichen Selbst mit der äußeren Welt. Wenn wir unser Nervensystem auf dieses Ziel hin kultivieren, muss die Rolle der sexuellen Energie dabei zur Sprache kommen.

Tantra bedeutet „zusammengewoben“ oder „die Fülle von Zweien als Eines“. Es bedeutet in Wirklichkeit dasselbe wie Yoga, nur ist etwas mehr Intimität dabei. Tantra erkennt von Beginn an, dass es zwei Pole gibt, die in Ekstase miteinander verbunden werden müssen, damit Erleuchtung entstehen kann – Vater Himmel und Mutter Erde, männliche und weibliche Energien, Shiva und Shakti, Yin und Yang – und dass diese beiden Pole in uns enthalten sind, in unserem Nervensystem. Wir haben das in den Haupt-Lektionen der Fortgeschrittenen Yoga Übungen bereits unter vielen praktischen Gesichtspunkten erörtert.

Tantra-Yoga ist das breiteste aller Yoga-Systeme und betrachtet das Leben als zwei Wirklichkeiten, die im menschlichen Nervensystem vereinigt werden müssen. Im Tantra-Yoga mit eingeschlossen sind Mantra-Yoga, Kundalini-Yoga, Hatha-Yoga, Ashtanga (achtgliedriger) Yoga und andere. Die Praktiken, die diese traditionellen Yoga-Systeme beinhalten, umfassen das, was als der so genannte „Rechte-Hand-Weg“ des Tantra-Yoga bezeichnet wird. Dann gibt es noch den „Linke-Hand-Weg“ des Tantra-Yoga, der sich damit befasst, reines Glückseligkeitsbewusstsein in die Ausschweifungen des sinnlichen Lebens der materiellen Welt zu bringen. Der „Linke-Hand-Weg“ lehnt sinnliche Ausschweifungen nicht ab. In der Tat zieht er daraus für spirituelle Zwecke einen Nutzen. Der „Linke-Hand-Weg“ ist eine Art Schattenseite des Yoga, der Teil, von dem man annimmt, dass der aufrechte Bürger sich davon fernhält. Das ist aber auf jeden Fall die traditionelle Sichtweise. So war das, bevor die Hippie-Generation Tantra für sich vereinnahmt hat. Heutzutage ist es auch seriös, den „Linke-Hand- Tantra" zu praktizieren. Zumindest im Westen ist das so. Vielleicht haben die aus dem Westen nur nichts mehr zu verlieren, da sie so in die materielle Lebensweise verstrickt sind – um den Sachverhalt nur anzudeuten. Warum sollte man das materielle Leben nicht etwas der spirituellen Seite öffnen? Wir können sowohl das eine als auch das andere haben. Überall steht Linke-Hand-Tantra darauf.

Wir werden uns also in diesen Lektionen den Linke-Hand-Tantra, soweit er mit sexuellen Methoden zu tun hat, näher ansehen. Du wirst erkennen, dass wir einen Zusammenhang mit den Dingen herstellen, die wir bereits in den Haupt-Lektionen diskutiert haben. Wir haben uns dort schon in Lektion 54, „Kundalini - ein Synonym für Sex“, eingehend mit der Kundalini befasst und begonnen, sexuelle Energie mit wichtigen fortgeschrittenen Yoga-Übungen wie Mulabandha, Sambhavi, Siddhasana und Yoni Mudra Kumbhaka aufwärts in unser Nervensystem hinein in Bewegung zu setzen. All das wurde in die Routine des zweimal täglichen Praktizierens eingebaut. Es soll aber immer nur schrittweise – unseren eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten entsprechend – in Angriff genommen werden.

Alles, was wir bisher getan haben, ging von der Wurzel aus nach oben, oberhalb von Siddhasana, der systematischen Stimulation am Perineum. Nun gehen wir sozusagen noch tiefer als Siddhasana. Das ist notwendig. Denn wenn wir die riesigen Prana-Ströme, die den Sexualakt ausmachen, nicht in den Griff bekommen, werden wir vielleicht feststellen müssen, dass das, was wir spirituell in unserem Nervensystem erreichen können, seine Grenzen hat. Das heißt nicht, dass wir uns an das gefürchtete Wort mit „Z“ (Zölibat) halten müssen. Es heißt nur, dass wir einige intelligente Methoden in Betracht ziehen, die uns helfen, unsere sexuellen Aktivitäten mehr in Übereinstimmung mit unseren spirituellen Zielen zu bringen. In der Tat wirst Du vielleicht erstaunt sein zu entdecken, dass intelligenter spiritueller Sex sehr viel vergnüglicher sein kann als nullachtfünfzehn Sex, der manchmal mit den Worten: „Wham, bam, danke Ma'am.“ charakterisiert wird.

Also hinein ins Getümmel.

Der Guru ist in Dir.