Lektion T66 – Tantra und Familienwerte

Frage: Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder und stelle fest, dass der tantrische Sex mit meiner Frau nicht mehr das ist, was er schon einmal war. Kannst du mir einen Rat geben, wo ich vielleicht einen tantrischen Partner rein für die spirituelle Kultivierung finde?

Antwort: Diese Frage wird mir im privaten Schriftverkehr oft gestellt und es ist Zeit, darauf öffentlich Antwort zu geben. Wie wir wissen, ist eheliche Untreue in der modernen Gesellschaft weit verbreitet. Möglicherweise war das aber auch schon immer so. In manchen Kulturen wird es sogar stillschweigend gebilligt, dass man sich eine Geliebte oder einen Geliebten hält. Ich bin nicht hier, um über die moralischen Auswirkungen ehelicher Untreue zu urteilen. Doch es gibt da auch einige praktische Überlegungen. Eine Ehe ist vor allem für die Kinder da, für deren Sicherheit und Erziehung. Wann immer also eine Ehe gefährdet ist, sind damit ebenso die Kinder gefährdet. Lange Rede, kurzer Sinn. Sind keine Kinder betroffen, dann ist das nur eine Sache, die die beteiligten Partner angeht und hat langfristig viel geringere Auswirkungen.

Vom Standpunkt der spirituellen Unterweisung her sollte Tantra nicht als Grund (Entschuldigung) für Untreue missbraucht werden. Dadurch gerät Tantra nur in Verruf. Vielleicht ist dies auch die Ursache dafür, dass Tantra als Ganzes in den spirituellen Systemen der vergangenen Jahrhunderte in den Hintergrund gedrängt wurde, ein unglücklicher Nebeneffekt der Verantwortungslosigkeit ihrer sogenannten Praktizierenden.

Umgekehrt geht die Wiederauferstehung von Tantra und seine Popularität in der Moderne hauptsächlich auf die Tatsache zurück, dass im Tantra der Rolle der Sexualität bei der spirituellen Entwicklung Rechnung getragen wird. Sie spielt eine Rolle und diese haben wir in diesen Lektionen diskutiert. Doch es geht beim Tantra um viel mehr als um Sex. Das haben wir bereits in der ersten Tantra-Lektion (Lektion T1) veranschaulicht. Aus praktischen Gründen ist es wichtig, dies zu verstehen. Glaubst du, dass tantrischer Sex die Speerspitze deiner spirituellen Entwicklung darstellt, und bist du bereit, das Wohlergehen deiner Familie für deine Suche zu opfern, kann es sein, dass du am Ende erkennst, dass du einen schweren Fehler begehst. Tantrischer Sex selbst ist nur Sex. Es braucht jedoch viel mehr, damit er zur Triebfeder im Prozess der spirituellen Entwicklung des Menschen wird. Dann gibt es da auch so etwas wie „spirituelle Treue“. Damit ist gemeint, dass man beständig eine effektive Integration von Übungen beibehält, die zu unserer anhaltenden Befreiung vom Leiden führt, das nur die Folge unserer Selbst-Identifizierung mit dem Körper bzw. Verstand ist.

Auch wenn es einigen gelingen mag, ihren Weg zu einem breiteren Anwendungsbereich von Yoga Übungen zu finden, nachdem sie einen Ansatz gewählt haben, der sich ausschließlich auf tantrischen Sex stützt, kommt es häufiger vor, dass man auf diese Weise davon abgelenkt wird, eine effektive tägliche Routine von Übungen aufzubauen, die stetig zur Erleuchtung führt. Der Nebel der Erotik, dem man um seiner selbst willen nachjagt, kann diese Art Verfälschung hervorbringen und den Fortschritt verzögern. Dann wieder einen Weg aus dieser Illusion heraus zu finden, kann lange Zeit in Anspruch nehmen.

Deshalb beginnen wir beim Ansatz der Fortgeschrittenen Yoga Übungen mit tiefer Meditation und überwiegend nicht-erotischen Methoden zur Kultivierung ekstatischer Leitfähigkeit und Ausstrahlung in die Neurobiologie. Von dieser stabilen Plattform von Übungen aus sind wir in der Lage, die erotischen Aspekte direkter anzugehen, mit dem Ziel den spirituellen Fortschritt auf ausgeglichene Weise zu erweitern, ohne überwältigende Ablenkungen hervorzurufen. Die erotische Komponente beginnt ernsthaft mit der Hinzunahme von Siddhasana zu unseren sitzenden Übungen (vgl. Lektion 75), und geht weiter mit der Integration tantrischer Methoden in unser gegenwärtiges Sexualleben, wie immer dieses aussehen mag. Wir schaffen für Tantra keinen neuen sexuellen Lebensstil. Tantrischer Sex im Rahmen der Fortgeschrittenen Yoga Übungen soll unserem spirituellen Pfad innerhalb des Lebensstils dienen, den wir bereits leben, nicht anders herum. Strukturieren wir unsere Übungen auf diese Weise, dann führt die in der tiefen Meditation kultivierte innere Stille und nicht das sexuelle Verlangen unsere Entwicklung. Das macht am Ende einen großen Unterschied aus, sowohl bei der Geschwindigkeit der Entfaltung als auch bei der Qualität des Ergebnisses. Schließlich ist es die „Stille“, die die Wurzel unserer Erleuchtung bildet, nicht ekstatische Energie. Für die Vervollkommnung brauchen wir die Vermählung beider, aber Stille (reines Glückseligkeitsbewusstsein) nicht ekstatische Energie ist die Realität, die dem zugrunde liegt, was wir sind. Die Reifung ekstatischer Ausstrahlung wird schließlich zum Vehikel für „Stille im Handeln“. Stille zuerst und ekstatische Ausstrahlung danach, nicht anders herum. Tantrische Sexualpraktiken unterstützen diese aufkommende Dynamik, was zu einem ständigen Ausströmen göttlicher Liebe führt. Es ist gut, das Pferd vor dem Karren zu halten. Andernfalls ist nicht auszumachen, wo wir am Ende sein werden.

Mit all dem soll gesagt sein, dass dein Anliegen nicht in erster Linie ein spirituelles ist. Es ist der uralte Drang, in einem anderen Bett als dem unserer Partnerin zu zeugen. Bist du ehrlich mit dir selbst, wirst du erkennen, dass dies der Wahrheit entspricht. Willst du auf dieser Basis weitergehen, ist das deine Entscheidung. Doch niemand sollte dafür Tantra als Entschuldigung angeben. Das wäre eine Fehlinterpretation von dem, was Tantra ist. Wäre tantrischer Sex alleine der Weg zur Erleuchtung, hätte man einen guten Grund, Sex woanders zu suchen. Da dies jedoch nicht der Fall ist, gibt es keinen Grund, außer dem Bedürfnis für ein sexuelles Abenteuer. Betrachte es so, wie es ist, und vielleicht kannst du das loslassen. Wie auch immer: Das hier ist keine Verdammung. Doch besteht ein Risiko für jene, für die du verpflichtet bist zu sorgen. Wir raten nur dazu, dass du diese bei deinen zukünftigen Entscheidungen mit berücksichtigst.

Bist du in deinen sitzenden Übungen gefestigt (tiefe Meditation, Pranayama der Wirbelsäulenatmung usw.) dann hast du alles, was du brauchst, wie immer du weitergehst, und die ekstatische Komponente wird unabhängig davon ihre Erfüllung in dem Leben finden, das du lebst. Es muss noch erwähnt werden, dass tantrischer Sex keine Voraussetzung für die Kultivierung von ekstatischer Ausstrahlung oder Erleuchtung bildet (vgl. Tantra-Lektion 9). Es gibt hier also kein spirituelles Erfordernis, das es wert wäre, dafür dein Familienleben zu riskieren.

Unser Familienleben kann tatsächlich eine ideale Umgebung für die spirituelle Entwicklung bilden – ein relativ stabiles Umfeld, das gleichzeitig ständig unsere spirituelle Entschlossenheit auf die Probe stellt und die Gelegenheit bietet, mit der Zeit in hohem Maß unsere bleibende innere Stille zu stärken (vgl. Lektion 98). Durch den Dienst an unserem Ehepartner und den Lieben, die wir in die Welt gebracht haben, bieten wir vielen zukünftigen Generationen spirituelle Möglichkeiten. Das erreichen wir nicht, indem wir unsere Kinder nach unserem Willen formen, sondern durch das Vorbild, das wir geben, indem wir unser eigenes Leben leben (vgl. Lektion 256). Unsere Gabe an unsere Familie und die Welt ist unsere eigene spirituelle Entwicklung. Ein Yoga-Übender und ein Erziehungsberechtigter zu sein, beinhaltet große Verantwortung, aber auch viel Freude auf der Reise. Wir sind die Welt und unsere individuelle spirituelle Entwicklung ist die spirituelle Entwicklung der Welt. Tantra und unsere spirituelle Entwicklung sind mit den traditionellen Familienwerten vereinbar. Lass uns so verantwortungsvoll vorgehen, wie wir zum Wohle aller können.

Der Guru ist in dir.

Über den Autor

Yogani ist ein anonymer US Amerikaner, der 2003 begann, im Internet sein spirituelles Wissen in Form von Lektionen zu veröffentlichen und damit auf einen großen Kreis Interessierter weltweit traf. Im Laufe der Jahre entstand Daraus eine umfassende Bibliothek zu allen Aspekten des Yoga. Inzwischen gibt es viele Übersetzungen in andere Sprachen. Die Lektionen sind immer noch kostenlos abrufbar. Heute gibt es auch Bücher, Hörbücher, Ebooks und im Englischen eine PLus-Mitgliedschaft sowie ein gut besuchtes Forum.

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